Herr Thilmany hat in seiner Schulbücherrede manches Vernünftige gesagt, aber u. a. auch etwas, was einen stutzig machen konnte.
Als er dagegen protestierte, daß in unsern Schulbüchern Kriegslieder stehen, nannte er unter diesen auch das Uhland’sche Soldatenlied, das wir alle schon als Kinder sangen, ohne jegliche kriegerische Absicht, das darf Herr Thilmany mir aufs Wort glauben: Ich hatt’ einen Kameraden - Einen bessern findst du nit. Und um den Abscheu seiner Zuhörer vor diesem Biedermeier-Päan zu steigern, sagte er: Am Ende bringen sie auch noch die Vöglein im Walde. (Heiterkeit.)
Ich will nicht gegen Herrn Thilmany polemisteren. Seine Worte reizten mich nicht zur Abwehr, sondern zur Einkehr.
Wenn ein Mann, der aus dem Volk hervorgeht, mit dem Volke lebt, die Vertretung der Interessen des Volkes - was im sozialen Pressejargon das Volk heißt - zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, - wenn dieser von Volksliedern in diesem Ton und mit dieser Auffassung redet, so muß man sich fragen, ob im Verhältnis desselben Volkes zu dem, was wir als sein Ureigenstes, als Wesen von seinem Wesen betrachten, also zum Volkslied, alles noch so stimmt, wie wir es bisher glaubten. Ob nicht vielmehr das Volk diesen Wesenszusammenhang leugnet, weil es ihn nicht mehr versteht, und sich seiner ein wenig schämt, weil es aus den Sphären wegstrebt, in denen diese Worte und Weisen geboren sind.
Dies wäre also vielmehr eine Art Gewissenserforschung von einem, der bisher das Volkslied als kostbaren Schatz verehrte, wie einen Familienschmuck oder eine alte; reich geschnitzte Truhe mit vergilbten Briefen und Andenken.
Ist es an dem, daß diese Schätze nunmehr in ihrem innersten Wert verkannt und an den Antiquar verschleudert werden sollen, wie seinerzeit die alten Schränke und Uhren? Herrscht im Volk wirklich die Auffassung, die sich in den Worten des Escher Abgeordneten über zwei deutsche Volkslieder verriet? Setzt unser Broulli im „Gukuk“ mit seiner Volksliedersammlung ein Stück nebens Loch? Und sollen wir im „Kameraden“ wirklich ein Propagandalied für den Krieg, eine Verherrlichung der offiziellen Millionenschlächtereien sehen?
Es wäre schlimmer als schlimm, wenn im Volk der Sinn für die intime Schönheit seiner Volkslieder sich verflüchtigt hätte. Dies wäre ein Zeichen, daß sich in der Seelensubstanz der Massen eine Wandlung vollzogen hätte, die für die Menschheit nichts Erfreuliches bedeuten würde. Eine seelische Maschinisierung, Industrialisterung, Kommerzialisierung, Nationalisierung - wie Ihr es nennen wollt, ein Vorgang ähnlich der Verholzung eines grünen, saftigen Halmes.
Ihrt werdet sagen: Das besorgt das Leben von heute ganz von selbst. Und Ihr werdet reden dem Zwang der Verhältnisse usw. usw. Ihr werdet auf die Errungenschaften der Neuzeit hinweisen, und daß heute in den Fabriken Bade- und Doucheräume für die Arbeiter eingerichtet werden, und daß der Taylorismus usw., und daß die soziale Fürsorge usw. usw. usw., und daß man da schon auf das Volkslied verzichten dürfe.
Aber seht die Großstadt: Auf der einen Seite strömen die Tausende, Zehntausende, Hunderttausende hinein, die von ihrem künstlichen Glanz geblendet sind, auf der andern Seite strömen die hinaus, die von dem durchgasten, überhitzten und überspitzten Wesen der Großstadt genug haben und reich und gescheidt genug sind, wieder aufs Land zu flüchten.
Es muß dahin kommen, daß die Industrialisierung der Welt nicht mehr Selbstzweck ist, sondern nur der Weg zu mehr Glück, mehr Freiheit, mehr Vernunft für alle.
Dann wird in der Massenseele wieder die Stimmung sein, aus der das Volkslied entsprungen ist: die süße Sonntagsnachmittags- und Sommermondnacht-Sentimentalität, die bodennahe Lyrik der einfachen Menschen, die in Lust und Leid aus sich herausfließen lassen, was sie bewegt. Dann wird man auch über die „Vöglein im Walde“ nicht mehr lachen. Versucht, Euch an die Stelle eines Bauernburschen zu denken, der mit Hunderttausenden an die Front muß, nicht weiß, ob er in acht Tagen nicht von den Würmern angefressen ist, in dessen Heimweh und Trauer die Wälder von daheim rauschen - und wenn der singt, daß ihm das Lied der Vöglein ein Wiedersehen mit Wald und Schatz und Leben und Freiheit verheißt, so mag darüber lachen, wer will, ich nicht. Trotzdem die Tage, wo wir dies Lied zuerst hörten, zu den niederträchtigsten unserer Geschichte gehören.