Der Trambahnwagen mußte stoppen, weil ihm zwei Pferde den Weg versperrten.
Ein Mann führte sie an der Halfter. Es waren zwei abgetrieben aussehende Braune, die vielleicht bessere Tage gesehen hatten; jetzt zeigten sie ein verwahrlostes Fell, das an den Hüftknochen abgeschabt war. In ihrem Blick stand die müde Wurschtigkeit, die sie dem Weltall gegenüber erfüllte.
Als der Wagen bis dicht an sie heranfuhr, dämmerte es ihnen, daß da vielleicht eine Gefahr drohte; zumal der Mann sie aufgeregt auf das Trottoir hinaufdirigierte. Für ein paar Sekunden fuhr ihnen die alte Sprungkraft wieder in die Glieder und sie tänzelten in schwerfälliger Eleganz vor dem Wagen herum.
Der Freund des Wattmanns tauschte mit diesem Bemerkungen über diese beiden Pferde im besondern und das Phänomen Pferd im allgemeinen. Sie stimmten darin überein, daß man es hier wohl mit den Vertretern einer aussterbenden Rasse zu tun hätte, und stellten Betrachtungen darüber an, wie lange es wohl noch dauern könne, bis auch der Mensch, so entbehrlich geworden, wie die Pferde, auf den Aussterbe-Etat zu stehen käme.
Vorläufig sind allerdings erst die Luxuspferde in ihrer Existenz stark bedroht. Wenn einmal die Zersplitterung des Grundbesitzes kein Hindernis mehr für die allgemeine Einführung des Motors in die Landwirtschaft bilden wird, dann werden auch die Ackergäule dran kommen, und dann hängt die Zukunft des Pferdes nur davon ab, ob es sich als Mastvieh einbürgern wird.
Doch, es gibt für diese schönste Errungenschaft des Menschen (nach Busson) noch eine Chance. Sie liegt auf dem Gebiet der Ästhetik.
Kürzlich war hier aus einem alten englischen Reisewerk eine Stelle abgedruckt, worin der Verfasser erzählte, wie in Schlangenbad und Wiesbaden Pferde die Kur gebrauchten.
Wenn Sie darin eine gewöhnliche Aufschneiderei erblickten, so seien Sie gleich eines Besseren belehrt.
Durch die Blätter geht nämlich folgende Notiz:
„Das Pferd im Moorbad. - In dem französischen Moorbad Dax weilt zurzeit ein Badegast, der, sobald er sich zeigt, allgemeines Interesse erregt. Seine Anwesenheit in dem Badeort wird in den französischen Blättern lebhaft besprochen. Es ist nicht ein gekröntes Haupt, es ist kein berühmter Staatsmann, kein Filmstar, kein Borchampion, nein, es ist Guillemont, der jetzt eine Kur gegen Rheumatismus in Dax macht, und Guillemont ist ein Pferd, ein prächtiges braunes Vollblut, ein Renner, der schon für nahezu eine Million Preise gewonnen hat und im kommenden Frühjahr in Ostende und in Mailand laufen soll. Guillemont leidet an Rheumatismus und deshalb hat sein Eigentümer ihn nach Dax geschickt. Zweimal täglich kann man in Dax das schöne Pferd sehen, das von einem Stallknecht ins Moorbad gebracht wird, wo ein Tierarzt das wertvolle Roß in einer speziellen Einrichtung sehr vorsichtig mit Moorpackungen behandelt.“
Die Pferderennen haben sich merkwürdigerweise bis jetzt ohne Einbuße an ihrer Popularität erhalten. Die Passion für möglichst rasche Überwindung des Raums kann da nicht ausschlaggebend sein. Vor hundert Jahren war es wesentlich, daß die Pferde so rasch wie möglich liefen, weil das sozusagen das einzige Mittel war, in kürzester Frist von einem Ort zu einem andern zu gelangen. Heute wird der wunderbarste Nenner von einem gewöhnlichen Stinkmoppelchen dreimal überholt.
Das Utilitätsprinzip scheidet also aus. Rennpferde haben fortan nur die Daseinsberechtigung, daß sie der Ästhetik dienen, mittelbar und unmittelbar. Eine Schnellzuglokomotive im Tempo von hundert Stundenkilometer gibt den Eindruck der Schnelligkeit höchstens durch die zurückgewehte Rauchfahne, ein achtzigpferdiges Auto nur durch die im Zug rückwärts gestrafften Schleier der weiblichen Insassen (siehe Plakate).
Aber beim Anblick eines Rennpferdes, das im gestreckten Galopp über die Bahn flitzt, wird die Vorstellung maximal übersteigerter Schnelligkeit sofort lebendig. Da liegt also das ästhetische Moment. Abgesehen von den neuen Toiletten in Longchamps.
Und außerdem ist das Pferd in der Ästhetik der Denkmäler unentbehrlich als Ergänzung des heroischen Moments.
Also Mut, Ihr wackern Rösser, es steht Euch eine schönere Zukunft bevor, als es Eure Gegenwart ist.