Original

6. April 1927

Ein Freund unseres Blattes, der in seinem Zivilverhältnis Gerichtsvollzieher ist, schickt uns ein Pappschächtelchen mit Inhalt. Der Inhalt besteht dièsmal nicht aus Stempelpapier, sondern aus einem Zweiglein blühenden Ginsters. „Gepflückt im Gebranntenberg, in der Dirheck bei Göbelsmühl.“

Niemals ist die Sendung eines Gerichtsvollziehers mit mehr Wohlgefallen aufgenommen worden.

Der erste Ginster ist ein Versprechen, das vom Frühling immer gehalten wird. Warum hat noch niemand ihn in Reimen besungen und vertont, wie die Letzte Rose? Vielleicht ist es besser so. Er konnte einem luxemburger Dichter in die Hände fallen, der ihn auf ewig anrüchig machen würde. Das hat der Ginster um uns nicht verdient. Ganz sicher ist es besser so. Was unser Freund, der Gerichtsvollzieher, da getan hat, ist auch ein Gedicht, besser, als ein Gedicht. Schöner, als viele andere, die durch den Druck vervielfältigt sind. Er ist an einem verheißungsvollen Vorfrühlingssonntag über die öslinger Berge gewandert, hat sich die Lungen und Herz und Hirn voll frische Luft und frische Gefühle und frischen Sinn gesogen, ist bis in die Fingerspitzen und in die Augäpfel hinein ganz ein froher Sonntagsmensch gewesen, hat den Werktag vergessen, hat an der Felswand gen Süden das blühende Ginsterzweiglein gesehen und ist darob tief inwendig zum lyrischen Dichter geworden. Und hat sich vorteilhaft von andern lyrischen Dichtern dadurch unterschieden, daß er kein Gedicht gemacht hat.

Sondern er hat das Ginsterzweiglein gepflückt und gedacht: Das schick ich jetzt an die „Luxemburger Zeitung“. Sie melden alljährlich den ersten Maikäfer und Schmetterling und jeden Solo-Schlemm, warum fallen sie nicht die erste Ginsterblüte melden, damit die Leute im ganzen Land erfahren, daß es jetzt auch im Ösling Frühling wird?“

Wie gesagt, die Sendung hat uns hoch erfreut, und wir danken dem Sender dafür aufrichtig. Denn es ist doch allerhand, wenn jemand aus seiner sonnigen Vorfrühlingssonutagnachmittagsfreude heraus über eine Strecke von fünfzig Kilometer weit an uns denkt.

Das ist unser Standpunkt.

Aber es gibt auch den Standpunkt des Ginsters.

Der blüht droben in seiner rauhen Heimat, an einer geschätzten Stelle, und denkt bei sich: Hier ist gut sein. Sie mögen vom Ösling sagen, was sie wollen, es gibt hier herum gemütliche Eckchen, wo es sich herrlich blühen läßt. Dies ist solch ein Eckchen, mein Eckchen. Hier habe ich das erste Zwiegespräch mit der Sonne, und hier wohnt sie am längsten im Jahr. Und wenn es drüben am Nordhang stürmt und tobt und pfeift, ducke ich mich an meine Schutzwand und male mir aus, wie schön es sein wird, wenn das Wintersonnenlicht an dem angewärmten Felsen herunterrieselt und wenn auf den weißen Sonnenwolken der mutwillige April wieder ins Land gefahren kommt.

In solche Gedankengänge hinein passiert dann dem Ginsterzweig das Mißgeschick, daß ein frühlingstrunkenes Menschenkind ihn abbricht und in einer Pappschachtel an die Zeitung schickt.

Bitte, denken Sie sich an seine Stelle. Malen Sie sich aus, Sie blühen vergnügt in einer gemütlichen öslinger Ecke und es kommt plötzlich jemand des Weges und packt Sie ein und schickt Sie an die Zeitung!

Da liegt nun das zum Kränzlein gebogene Frühlingswunder, schon welk, aber noch eine Augenpracht in dem Gelb und Orange seiner Blütchen, wozu das Dunkelgrün des Stengels und der winzigen Blättchen so wunderbar paßt. Drei offene Blüten und zwei unerschlossene Blütenknospen.

Die offenen Blüten standen der Erde, die unerschlossenen Knospen der Sonne zunächst.

Die Erde war die stärkere im Erwecken des Lebens.

Und so sei denn das letzte Wort ein Wort der Genugtuung über diesen Sieg der Erde über die Sonne, des Mutterschoßes der Erde über die unnahbare, unberechenbare, tyrannische Liebe der Sonne.

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    Katalognummer BW-AK-015-3410