Original

7. April 1927

Reden wir vom Nächstliegenden.

Also vom Kopfkissen.

Das Kopfkissen ist ein mindestens so vielseitiger Gebrauchsgegenstand, wie das Taschentuch, und daher wohl wert, daß wir ihm einige Betrachtungen widmen.

Das Kopfkissen ist aus leicht begreiflichen Erwägungen sächlich, also geschlechtlich neutral.

Es ist, wie gesagt, von erstaunlicher Vielseitigkeit. Es kann sein Dein Freund oder Feind, Berater, Mahner, Verführer, Komplize, Dein gutes oder schlechtes Gewissen, Schirm oder Wurfgeschoß; Du kannst es hauen oder knutschen, kneten, umarmen, segnen und verfluchen, es nimmt mit demselben Gleichmut Deine Tränen, Deine Verwünschungen, Deine Sehnsuchtsschreie, Deine Liebkosungen und Mißhandlungen entgegen. Es besteht aus Daunen oder Haferspelzen, aus Stroh oder Roßhaar, aber auch aus Holz, Stein, dürrem Laub, nacktem Erdboden, oder aus Busen oder Schoß der Geliebten usw. usw.

Ist das Kopfkissen Dein Freund, so kühlt es köstlich Deine Wangen, und Du vertraust ihm alles an: daß Du die Anna oder die Marianne liebst, daß Du den Kerl da, der ihr nachstellt, nächstens grandios vermöbeln wirst, daß Du auf Deinen Peipers in 24 Stunden 2500 Francs verdient hast, daß es nun fast langt zu dem Einfamilienhäuschen mit Garten, in dem die Anna oder Marianne das Szepter schwingen soll - oder daß Du gestern in Deinem Kegelklub’ alle Neune geworfen haft, oder daß - na, was einem in Deiner Lebenslage überhaupt Glückliches passieren kann. Und leise, leise, ohne daß Du es merkst, nimmt Dich das Kopfkissen hinüber in den Schlummet und flößt Dir Träume ein, die den ganzen folgenden Tag noch wie Süßigkeit durch Dein Blut fließen.

Das Kopfkissen kann auch Dein Feind sein: Es braut mit Deiner Wange zusammen Fieberhitze, es dampft schwarze Gedanken, die Dich grinsend, drohend, hämisch umkriechen. Deine Peipers fallen in einer Börse auf 92, die Anna oder Susanne ist falsch und gibt sich mit dem andern, dem Kerl da ab, den Du vermöbeln wolltest und der Dir ein Bein stellt. Wer weiß - suggeriert Dir das tückische Kopfkissen - wer weiß, er küßt sie in dieser selben Sekunde! Und Du wirfst wütend das Kopfkissen auf die andere Seite, wo es kühler ist, die quälenden Visionen verblassen, aber wie Deine Wange im Kontakt mit dem Kissen wieder wärmer wird, verdichten sich die Schemen und wieder mußt Du sie durch einen zornigen Ringkampf mit dem Kopfkissen verscheuchen.

Der Verführer Kopfkissen ist imstande und überredet Dich an einem schönen Sonntagmorgen zu schnödester Siebenschläferei. Dein Haupt ist in die weiße Weichheit gebettet, als gehörte es von Rechts wegen hinein. Mit einem offenen Auge greifst Du nach der unsicheren Plastik des Nachttischs, nach dem Glas Wasser, nach der Uhr. Erst halb acht! Wer wird am Tag, den der Herrgott bei der Schöpfung zum Ruhetag geweiht hat, um halb acht aufstehen! Du drehst Dich herum, reckst Dich, kuschelst Dich und sinkst selig zurück in die faule Wonne des Morgenschlummers Zehn Uhr! Was, schon zehn Uhr! Was fängst Du mit diesem angebrochenen Vormittag an? fragt insinuant das Kopflissen. Du schämst Dich vor ihm, daß Du mit Deiner Zeit so unwirtschaftlich umspringen sollst und bleibst liegen. Um zwölf Uhr sagt das Kopfkissen: Schlaf ist Nahrung. Um drei Uhr: Der beste Schlaf ist der Schlaf vor Mitternacht. Bis du endlich um sechs Uhr aufstehst und zum Dämmerschoppen gehst. Falls Du nicht vorziehst, überhaupt liegen zu bleiben, weil es sich doch nicht mehr lohnt.

Ihr alle habt schon Euer Kopfkissen erlebt als gutes und als schlechtes Gewissen, als Mahner, Komplize, als Schirm und Wursgeschoß, als Knutschobjekt, als Vertrauten Eures Schmerzes und Eurer Lust. Ich will nicht aus der Schule schwatzen. Aber sagt selbst, ob das Kopfkissen es verdient oder nicht, daß wir ihm diese Betrachtung gewidmet haben.

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    Katalognummer BW-AK-015-3411