Die neue luxemburgische Volksoper von Louis Beicht und Josy Imdahl, die noch immer in ihrem Triumphzug über die Bühne des Stadttheaters begriffen ist, stellt eine solche Unsumme von Arbeit und wahrscheinlich auch Kostenaufwand dar, daß sie weitere Betrachtungen herausfordert.
Die Befürchtung liegt nahe, daß sie eben wegen ihres schweren und teuern Apparates ein Einzelfall bleiben und für unser heimisches Dilettantentheater lediglich die Bedeutung eines Meteors haben wird. Das ist ja das Elend, daß wir uns mit allem hier bodenständigen Kunstbetrieb an die engsten Grenzen Europas steßen und zum Eintagsfliegendasein verdammt sind. Aber wer weiß, vielleicht gelingt es dem starken organisatorischen Talent Josy Imdahls, die Massenbewegung zu verwirklichen, die Wiederholungen des Werks nach außen mit derselben Truppe ermöglichen kann. Denn neben dieser Truppe eine zweite oder gar dritte da draußen aus dem Boden zu stampfen wäre nach menschlichem Ermessen Hexerei.
Man darf an das Stück eine Hoffnung knüpfen: Da es den Höhepunkt eines bestimmten Genres bedeutet. ist die Annahme gestattet, daß sich nun vielleicht niemand in diesem Genre mehr versuchen und daß die Wehleidswelle der paar letzten Jahrzehnte endlich abebben wird. Ein Tränenkoller hatte die Stückeschreiber erfaßt, man lebte in einer Atmosphäre naßgeweinter Taschentücher, die von Zeit zu Zeit ausgewrungen wurden, daß es klatschte. Wenn nach tausend Jahren ein Geschichtsschreiber der Nationalcharakter der Luxemburger von gestern und heute aus ihren bühnenliterarischen Produlten bestimmen müßte, würde er ungefähr sagen: Die Luxemburger waren ein Volk von Schwindsüchtigen, Raufund Trunkenbolden, dummedeln Entsagerichen und sentimentalen Moralpredigern.
Wir sind doch, Teusel nochmal, vor allen Dingen gesunde Lebensbejaher und haben die Nase voll solchen heimwehleidigen Tränendrüsenattentate. Nach dieser billigen Gefühlspomade könnte man sich wirklich nach einem „Fröhlichen Weinberg“ sehnen, mit kräftigem Mistgeruch und derber Rede von den ersten und letzten Dingen.
Also hoffen wir, daß die vom Obersten Haff alle Nachstrebenden das Gras endgültig unter den Füßen weggemäht haben, und daß es nunmehr Schluß ist mit dem Verlangern und den Muttergräbern und dem augenverdrehenden Daheimrummel.
Hoffen wir noch eins. Mit das Schönste an der Uraufführung von Dienstag waren die Chöre. Also da einem der kühne Gedanke dämmerte, hier wäre viel leicht der Grundstock zu einem großen, tüchtigen, alle Kräfte unseres Umkreises sammelnden gemischten Chor. Und dieser Chor könnte klassische Tonwerke in musterhafter Weise zur Aufführung bringen, kein Chœurs de concours von professionellen Taktschlägern, aber die schönsten Opernchöre, und Haydn und alle, und vielleicht gar den „Messias“!
Er würde in seiner Art zum Erlöser.