Als Jesus der Gesalbte vor rund neunzehneinhalb Jahrhunderten von den Pharisäern und Sadduzäern ans Kreuz geredet worden war und sterbend sein „Eli eli, lamma sabachtani!“ der Geschichte übergab, mochte er in seiner Todesangst dunkel ahnen, daß sein Erlosertod die Welt nicht so gründlich erlösen würde, wie er sie hatte erlösen wollen.
Aber er bleibt für Gläubige und Ungläubige der Erlösertyp, der dafür stirbt, daß er die andern glücklich machen will.
Daher ist das Kreuz das Symbol des Christentums geblieben, als der Welt, in der nicht die starre Losung: Aug um Aug, Zahn um Zahn! gelten soll, sondern letzten Endes das Kreuzeswort: Herr verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. - Davon ist schließlich abgeleitet, was heute am sogenannten sozialen Empfinden das Beste und Wirksamste ist.
Das Kruzifix, um das sie sich in der Kammer dieser Tage so verbissen gestritten haben, gewinnt an Bedeutung, wenn man ihm konfessionell unbefangen gegenüber steht. Eine solche Verehrung ist frei von Zwangseindrücken, die oft auf die frühesten Kinderjahre zurückreichen und nicht immer mit erfreulichen Erinnerungen Hand in Hand gehen.
Einem jeden steht in der Erinnerung irgendein Kruzifix, das ihm mehr, als andere, zu sagen hatte. Meist aber wurde ein Kruzifir dieser Sonderart nach einiger Zeit von einem andern und dieses wieder von einem folgenden abgelöst.
Und so weiß jeder schließlich von vielen Kruzifixen, die in seinem Leben äußerlich und innerlich eine Rolle spielten.
Da war zum Beispiel das merkwürdige Kruzifix, über das wir als Messediener uns die Köpfe zerbrachen, wenn wir es bei der Ostereierverteilung in der Pfarrstube auf der Kommode stehen sahen. Das Kreuz bestand ganz aus weißen Kristallen und es kam zwischen uns zu homerischen Wortschlachten darüber, ob man es mit Glas oder Salz zu tun habe, Einer wollte eines Tages die Frage dadurch entscheiden, daß er behauptete, er habe heimlich an den Kristallen geleckt und es sei Glas. Er fand nur ungläubiges Hohnlächeln.
Lange besaß ich ein kostbares Kruzifix aus Ebenholz und Elfenbein Ich hatte es verhältnismäßig billig bei einem Antiquar erstanden und verwahrte es in einer Truhe als Wert- und Kunstgegenstand. Als meine Putzfrau schon drei Monate nicht mehr gekommen war. stellte ich eines Tages fest, daß auch mein kostbares Kruzifix fehlte. Ich besaß leider ihre Adresse nicht. Seither bin ich aus Utilitätsgründen dafür, daß ein Kruzifix an die Wand und nicht in die Truhe gehört, auf das Risiko hin, daß sein Besitzer zu Unrecht in den Ruf eines Frömmlings gerät.
In einer unserer früheren Gewerbeausstellungen stand auch einmal ein Kruzifix aus Baumwurzelstückchen. Es war von einem Invaliden in mühsamer, monatelanger Bosselei zusammengeleimt und wurde von den Besuchern viel bewundert. Mehr als einer blieb davor stehen, schüttelte den Kopf und sagte: Ich hätte die Geduld nicht! Und der beinerne Heiland am Kreuz wird gedacht haben: Herr, verzeih ihnen!
Dann das Missionskreuz draußen am Kirchengiebel. but that’s another story.
Das letzte Kruzifix, das ich mit ganzer Seele tief erlebte, steht auf der Höhe bei Soissons, wo der Chemin des Dames grauenhaften Andenkens von der Landstraße abzweigt.
Es ist zum Andenken an alle die Toten errichtet die auf jenem Plateau, in den Tälern und Tälchen ringsum und in den Sappen darunter verblutet und erstickt sind.
Erst übermannt einen zornige Empörung gegen das Pharisäertum: Sie schlagen sich vier Jahre lang gegenseitig tot, und dann, wenn sie das Blut ekelt, will es keiner gewesen sein, und sie richten Kreuze auf und reden in aller Welt salbungsvoll vom Frieden.
Aber dann will man auch nicht strenger sein, als der dort am Kreuz, der die Arme ausbreitet und sagt: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Wäre denn die Menschheit nicht endlich alt genug, um zu wissen, was sie tut?
Aber die Alten sollen ja nichts mehr zu sagen haben?