„Wissen Sie“ - fragte Grimmberger und tippte mich hart mit gerecktem Zeigefinger unter das linte Schlüsselbein - „wissen Sie, was die Signatur unserer Zeit ist?“
„Meinen Sie Egoismus?“
„Beinahe hätten Sie’s geraten. Freilich ist es Egoismus, aber nicht der Egoismus, dessen Losung „Ich!“ lautet, mit Ausrufungszeichen, sondern der besonders gefärbte Egoismus, der sich in der Massenlosung der Zeit ausdrückt: „Ich auch!“
„Wie meinen Sie das, Herr Grimmberger?“
„Zuckererbsen für jedermann, das ist es. In die Materie Mensch, die rudis indigestaque moles von früher, ist ein Auftrieb gekommen, den vergangene Zeiten nicht kannten. Das Entwicklungsschema war so: Die Besten rangen sich hoch. Und als sie oben waren, erstarrte das System. Die einen blieben oben, die andern blieben unten, weil sie eben noch nicht dachten, empfanden und wollten: Ich auch! Trotz der französischen Revolution u. trotz dem Zug, der damit in die Geschichte gekommen war, war es noch lange so, daß oben oben und unten unten blieb, träge, durch Überlieferung gebunden, nur weil es so war. Der unten war, wollte freilich hochkommen, aber die Leiter, an der er emporzuklimmen suchte, war die Leiter der nüchternen, harten Arbeit. Die Verbrämung des Lebens mit Tätigkeiten, die nicht Arbeit waren, lag ihm außerhalb des Kreises der Möglichkeit. Das war ein Luxus, seiner Vorstellung nach nur über dem Niveau gestattet, das ihm die Decke überm Kopf, den anderen Fußboden war. Erst, wenn ihn seine Arbeit auch auf dies Niveau gehoben hätte, dürfte er, so stand es bei ihm fest, diese Ansprüche an das Leben stellen.
Heute ist es anders. Heute will jeder von Haus aus seinen gewogenen Anteil nicht nur an der Arbeit, sondern auch an den Freuden haben, die früher als das Vorrecht der Oberen galten. Verstehen Sie, wie ich es meine? In einem Dorf z. B war früher, ganz früher der Schloßherr der einzige, der jagte, fischte, ritt, kutschierte. Später taten es ihm die bessern Bauern gleich. Und die andern, die Kuhbäuerlein und Tagelöhner nahmen das hin als selbstverständlich. Wie sie es als selbstverständlich hinnahmen, daß nur die in der Sonne saßen, deren Häuserfronten nach Süden gingen. Sie sahen zu ihnen auf, bewunderten sie mehr, als sie sie beneideten, diskutierten wohl bei einem Gläschen Schnaps darüber, wie gut oder wie schlecht der eine mit Pferden oder mit dem Schießgewehr Bescheid wußte, aber es fiel ihnen nicht ein, auf dieselbe Betätigung Anspruch zu machen. Sie waren von klein auf in diese Verzichtpsyche hineingewachsen.
Heute hört kein Bauernjunge von einem persekten Jäger und Schützen, ohne daß er in sich den Beruf verspürt, ein noch besserer Jäger und Schütze zu werden.
Das Hinaufblicken gibt es nicht mehr. Der andre kann eben was, und man will doch mal sehen, ob man es nicht auch eben so gut und besser fertig bringt. „Ich auch!“ ist die Triebfeder der Menschheit geworden.
Und weil so die einen „auch“ genießen und die andern „auch“ Genuß produzieren, darum ist die Festtafel des Lebens heute von unten nach oben gedeckt. Für die Auchproduktionen auf der einen finden sich immer die Auchgenleßer auf der anderen Seite. Und es ist gut so!“ schloß Grimmberger. „Aber die Besten bleiben immer die Besten, denn sie sind immer der Gipfel, ohne den es kein Streben nach oben, kein: Ich auch! gäbe.“