Original

13. April 1927

Walferdingen muß von wallfahren kommen. Die Ethymologie entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeit, aber sie drängt sich Dir auf, wenn Du die Scharen siehst, die Sonntags nachmittags über die Landstraße von Beggen nach Walferdingen pilgern. Von da, gleich hinter der Endstation der Elektrischen, tut sich der Blick ins Weite auf. Wanderburschenblut rauscht auf, die schöne Straße wird zum Bett eines Sehnsuchtstromes. Und auf der Walferdinger Brücke stehst Du im Angesicht einer der schönsten Landschaften, die unsere Heimat hat. Die alten, malerischen Weiden am Ufer, die Wiesengründe, die bewaldeten Höhen, die das Tal einsäumen, die bunte Vielfältigkeit der entgleitenden Ferne, die blau verdämmernden Hügel am Horizont, die zu winken scheinen: Komm getrost, hier ist auch Leben, hier findest Du auch Menschen, von hier oben kannst Du dahin zurückblicken, woher Du gekommen, bei uns bist Du nicht verloren. Das ist so die heimliche Sprache der Berge und Hügel, während in der Ebene die Seele sich immer weiter hinaus, in unbestimmte Fernen verliert, von dannen sie keine Wiederkehr weiß.

Walferdingen ist so schön, weil es eine Stätte vornehmer Ellenbogenfreiheit, relativer Großzügigkeit ist. Jedenfalls war und hoffentlich wieder werden wird. Das Schloß - das von den Behörden leider seit einem Jahrzehnt als eine Art nationalen Dreckseimers benutzt wird - liegt offen mit breiter Anfahrt zu ebener Erde an der Straße, auf der man bis ans Ende des Landes fahren und wandern kann, gegenüber breitet sich das Wiesental meilenweit bis an den Fuß des ansteigenden Bannbuschs, dahinter ruht der Park in der Majestät seiner alten Baumriesen, dann ist die Kirche, und daneben das Haus, von dem ein Wort zu sagen ist, da sie am Sonntag seine Herrin herausgetragen haben, auf den Friedhof, auf den sie ihr Leben lang von ihrem Schlafzimmerfenster heraussehen konnte.

Das Haus steht da, wo die Straße hinter der Brücke im stumpfen Winkel nördlich in die unabsehbar lange Grade links abbiegt. Es legt seine breite Biedermeierfront quer in die Perskeptive, daß es von weitem aussieht, als münde die Straße in seine Haustür. Davor liegt eine der populärsten Terrassen des Landes. Wer von Luxemburg kommt und die Straße nach Heisdorf sich hinausdehnen sieht, will sich vorher auf der Terrasse stärken für den Weg, und wer ihn herkommt, widersteht der Lockung dieses idealen Ruhepunktes nicht. Von weitem sieht er dann die Lenkstangen der Fahrräder und die Linsen der Autolaternen Blitze werfen, und der Strom des Verkehrs geht an ihm vorüber ohne ihn unfreundlich zu bestäuben.

Die Greisin, die als junge Frau vor mehr als einem halben Jahrhundert dies Haus bezogen, das ihr Mann in der jungen Ehe gebaut hatte, starb darin als Fünfundachtzigjährige und wurde am Sonntag begraben.

Hohes Alter ist eine Gnade der Gottheit. Diese mochte noch nicht sterben. „Jetzt wird es am schönsten,“ meinte sie. Grade wie die Mutter Rodange’s, den sie als zehnjähriges Mädchen, da er Lehrer in Steinsel war, gekannt hatte, denn er war ein Kollege ihres Vaters und besuchte ihn oft von Steinsel aus in Walferdingen.

Die Lehrerstochter und der ruhige Dorfschmied, dessen trockener Humor sprichwortlich war, wurden ein Paar und erweiterten ihr Heim zu dem stattlichen Anwesen, das heute wie ein Wahrzeichen der Gegend dasteht.

Sie erlebte das Leidvollste, was je eine Frau treffen kann: Indem sie als junge Frau ihren Mann und als alte Mutter ihren einzigen Sohn verlor.

So fein sie war, so hartnäckig hielt sie dem Leben stand. Ihre Seele war die Gerte, die sich biegt, ohne zu brechen, und nach der Prüfung sich wieder grade richtet.

Als Lehrerstochter hatte sie einen guten Schuß Intellektualität in sich, der Verkehr mit allerhand Gästen erzog sie zum Praktischen. Sie trug eine leichte Skepsis wie eine Gasmaske oder einen Regenmantel, aber im Innern war es nicht so gemeint. Da hatte sie ein großes Verstehen und eine große Güte. Fein, wie ihre Gestalt bis ins hohe Alter, war immer ihr Wesen auch im Kontalt mit allen Materialitäten des Lebens geblieben.

Tausende haben an ihren Tischen gesessen, haben sie geachtet, vielen war sie, die lange selbst im harten Kampf mit dem Leben stand, Wohltäterin, viele haben sie verehrt und werden, wenn ihr Weg sie am Walferdinger Friedhof vorbeiführt, an das Grab gehen, auf dessen Kreuz ihr Name stehen wird, und werden ihrer in Bewegung gedenken.

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    Katalognummer BW-AK-015-3416