Original

14. April 1927

Er kam mit einer Gruppe Bauern in die Gaststube und trank einen Humpen.

Er fiel mir sogleich durch die starke Betonung auf, die sein Wesen hatte. Er ist von kurzer, gedrungener Gestalt und trägt einen Vollbart in der Farbe des besten Mannesalters, aber nicht so dicht, daß sich nicht bequem mit den Fingern hindurchkämmen ließe. Seinen weiten Raglanmantel behielt er an und seinen Schlapphut auf. Das wäre unwesentlich, meinen Sie? O nein, das hat seine tiefere Bedeutung. Der Sonntagsnachmittagsphilister, der sich in einer Ecke seßhaft machen will, bis es Zeit ist zum Abendessen, der hängt Hut und Mantel - wenn er einen anhat - an die Wand. Aber wer etwas erleben, Freunde, viele Freunde treffen, mit ihnen reden und lachen, viel und ausgiebig mit ihnen reden und lachen will, der kneipt sich nicht so leicht fest, der bleibt auf dem Sprung und behält Hut und Mantel an und sogar den Stock in der Hand.

Sie sagten mir, daß es der Broulli war, und ich ging zu ihm und machte seine persönliche Bekanntschaft. Seine Augen sind nicht groß, aber ich sah eine Zeitlang weiter nichts, wie seine Augen. Sie sind aggressio blau. Sie spritzen. Denken Sie sich eine Kirsche, die von zwei Fingerspitzen zusammengepreßt wird, also daß sie noch intensiver glitzert und ihren Saft hinausspritzt. So maximal durch Druck beansprucht sahen diese fröhlichen, gescheiten, aggressiv blauen Augen aus.

Der ganze Mann ist mit Gesundheit vollgepumpt. Mit einer unverschämten, herausfordernden und dabei urgemütlichen Gesundheit. Während er so mit den Bauern zusammensaß, wurde man inne, daß er Einfluß auf sie hatte. Und man begriff, wie in seinem bewegten Leben einmal im Kampf gegen die Obrigkeit die Dörfler hinter ihm und um ihn aufmarschiert waren.

Broulli ist der Konservator unseres heimischen Wortschatzes.

Unsere Sprache ist unser höchstes nationales Gut. Sie ist ein Stück unserer selbst. Sie ist der Schrein in dem unser Wesen ruht. Wird der Schrein brüchig und lückenhaft, fallen Stücke heraus, so entflieht ein Teil der Seele. Ich hörte kürzlich einen Mann im Gespräch mit andern luxemburgisch reden, aber fragt mich nur nicht wie. Und ich sah ihn im Geist als Luxemburger, der von unten bis oben mit andersfarbigen Lappen benäht war. Mit seiner Muttersprache gibt sich der Mensch selbst auf. Man kann zu seinem Eigenwesen Fremdes hinzuerwerben, aber man darf von seinem Seelenerbe nichts aufgeben, will man nicht innerlich verarmen.

Eine Sprache besteht nicht nur aus Worten, sondern auch aus Wörtern.

Da unsere Muttersprache zum größten und besten Teil aus ländlichem Boden gewachsen ist, wird sie auf die Dauer dem ungeläufig, der in die Stadt verpflanzt wird. Er vergißt erst Dutzende, dann Hunderte von Wörtern, die zu den malerischsten unseres Sprachschatzes gehören und betet am Ende nach. daß unsere Sprache so bettelarm sei.

Broulli ist in der idelaen Lage, daß ihm der ganze Wortschatz seiner Muttersprache lebendig geblieben ist. Er hat als früherer Lehrer die formale Bildung, die ihn befähigt, den Wert des Materials zu erkennen und auszumünzen, und da er beständig auf dem Lande lebt, versinkt ihm keines der Wortbilder, die ihm von klein auf vertraut waren. Jeder seiner Beiträge zum „Guknk“ enthält solche Wortkleinodien, die die Jüngeren nie kannten und die doch zum alten, gediegenen Spracherbe unseres Volkes gehören.

Wenn wir keinen Broulli hätten, müßten wir suchen, bis wir einen fänden.

Also freuen wir uns, daß wir ihn haben.

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    Katalognummer BW-AK-015-3417