Die meistverfluchte Eisenbahn der Welt ist zweifellos unser guter Charly.
Bald wird es von ihm heißen: Er war! Das heißt sie wollen ihn zur zahmen Trambahn herunterbändigen, sie wollen ihm seine wallende Rauchmähne abschneiden, sie wollen ihn stramm an die Kanthare nehmen, sodaß ein Mann mit einer halben Steuerdrehung ihn auf den Fleck bannen kann. Auf der neuen Brücke sind sie dabei, die Bändigung in die Wege zu leiten.
Vielleicht interessiert es Sie - mich hat es interessiert - wieder zu lesen, was über diesen alten Charly, der jetzt in den letzten oder vorletzten Zügen liegt, vor zirka neun Jahren hier stand, als er grade wieder eine Frau totgefahren hatte:
„Was ist ein Wunder?
Ein Wunder ist, daß der Charley nur einmal alle paar Monate und nicht siebenmal am Tag einem Mann, eine Frau oder ein Kind totfährt, von den Pferden und Hunden nicht zu reden.
Das Verdienst dieses Wunders haben die Fahrbeamten, die bei der Fahrt durch die Stadt ihre Augen in der Hand haben müssen und aufpassen, wie Luchse. Wenn trotzdem ein Unglück geschieht, soll immer wieder unser ceterum censeo gegen dieses apokalyptische Ungeheuer erschallen.
Jetzt hat sich der Charley also wieder einmal blutig in Erinnerung gebracht.
Er kann es, scheint’s, nicht vertragen, daß er längere Zeit nicht im Mund der Leute ist. Sowie er eine Woche lang nicht das Tagesgespräch bildet, so entgleist er zur Abwechslung wieder einmal, oder leistet sich eine Verspätung von sechs bis sieben Stunden, und genügt das nicht, so fährt er jemand tot.
Kennen Sie nicht ein Haus, in dem ein Onkel mit einem sogenannten „Widdem“ wohnt? Man muß ihn leiden, weil er sein „Widdem“ mitgebracht hat. Er tyrannisiert das ganze Haus, raucht einen Knaster, daß die Vorhänge schwarz werden und die Fliegen tot von den Wänden fallen, spuckt der Hausfrau auf ihre gewichsten Böden, poltert in Holzschuhen treppauf treppab, räuspert sich, daß die Möbel wackeln, gebärdet sich wie der Esel als Schoßhündchen und lebt länger, als alle, die ihn beerben wollen.
So ein Onkel ist unser Charley. Sie sagten seinerzeit, er habe als Vorwand dienen müssen, damit die Stadt ihre neue Brücke bekäme. Die Brücke ist sein „Widdem“, das er mitbrachte und wegen dessen wir ihn leiden müssen. Er weiß es und führt sich demgemäß auf. Er spuckt und raucht und lärmt und führt sich auf, wie ein Erzknote.
Da draußen, ja, da kann man ihn sich gefallen lassen. Da hat der Onkel Charley Ellenbogenfreiheit und stößt nicht überall an. Da fliegt sein schmutziger Rauch nicht überall in offene Fenster, um als schwarze Flocken da drinnen Möbel und Teppiche zu beschneien Da ist er der willkommene Onkel aus der Fremde, der allerlei zu erzählen weiß und den Kindern Schokolade mitbringt. Wir lieben ihn, wenn er uns auf seinem breiten Rücken gutmütig durch das Waldtal der „Glasbouten“ nach Senningerberg trägt, oder nach Consdorf oder Echternach zu guten Freunden, in die Wälderfrische des Müllertals. Aber wenn der klobige Geselle uns mit seinen ungeschlachten Manieren und dreckigen Pantinen in die gute Stube hereintrollt, dann wünschen wir ihn ins Pfefferland.
Die Wahrheit zu sagen: Es ist ein Skandal, daß dies Ungetüm schrankenlos mitten durch die Stadt sich wälzen darf. Jeder Fremde, der es zum ersten Mal sieht, glaubt, es sei ein Zug wahnsinnig geworden und aus dem Bahnhof ausgebrochen. Anderswo sind die Bahnen von den Verkehrswegen durch Hecken und Schranken streng abgeschlossen und ihr Betreten ist bei Strafe streng verboten. Der Charley aber läuft ungehindert und uneingeschränkt mitten und quer nicht nur über die Straßen, sondern über die Trottoirs mitten in der Stadt. Er hat die gesetzliche Entschuldigung, daß er eine Kleinbahn ist. Er ist sogar schon Kurz- und Kleinbahn getauft worden, weil er alles kurz und klein fährt, aber sehe einer das Ungetüm an und sage, ob man sich so eine Kleinbahn vorzustellen hat, die das Privilegium genießt, sich mit dem übrigen Verkehr in die Straße zu teilen!
Also wieder einmal: Ceterum censeo, daß diesem Monstrum die Binnenstadt ein für allemal untersagt werden soll.
Wer muß denn schließlich noch totgefahren werden, damit diesem Skandal ein Ende gemacht wird?“