Jede Umschichtung in der Zeit bringt neue Typen an die Front des Daseinskampfes.
Mit den Warenhäusern kam der Typus Verkäuferin, wie mit den großen Bierpalästen eine Zeitlang der Typus Kellnerin gekommen war. Die Kellnerin ist bis auf lokale Ausnahmen verschwunden, die Verkäuferin hat bewiesen, daß sie ein Bedingnis der Zeit war und hat sich bis zur Unentbehrlichkeit durchentwickelt.
Ein neuer Frauentyp von heute ist die Daktylo Er scheint sich endlich standardiert zu haben.
Längere Zeit hindurch schwankte er. Das Tippfräulein ist nicht, wie die Aphrodite aus dem Meeresschaum, fix und fertig aus dem Braus des Wirtschaftslebens in die Erscheinung gesprungen. Sie wurde nicht ohne längere Übergangsperiode vom Erwerbsleben als nüchterner und vollwertiger Faktor assimiliert. Sie war eine Zeitlang sozusagen von romantischen Nebengeräuschen umsummt. Dem jungen Mädchen, das von heute auf morgen in den Rhythmus eines männlichen Betriebs sich eingeschaltet sah, fiel es nicht immer leicht, sich rückhaltlos in dies neue Verhältnis hineinzufinden, und dem männlichen Element um sie und über ihr fiel es vielleicht noch schwerer, aus demselben neuen Verhältnis den Zauber des Eros ganz hinauszubannen.
Der Ernst und die Nüchternheit kamen mit dem Bewußtsein der Konkurrenz, der Nivellierung durch den Beruf. Der Mann als Hilfskraft sah auf einmal lein Gebiet halbiert. Er war im Fall des Steinlieferanten, dem ein neues Material, irgendeine Terra nova die Bestellungen beschneidet. Und da hörte die Romantik von selbst auf. Die Daktylo war nicht mehr in der Hauptsache Frau, sondern in der Hauptsache ein Rad in der Maschine, wie alle andern.
Ihr Typus legte sich fest, aber sie sorgte dafür, daß er trotz allem nicht die Nüchternheit des Berufs, sondern immer weiter den Zauber der Weibheit spiegelte. Nur daß man heute weiß, eine wird Tippfräulein nicht mehr in der heimlichen Hoffnung, der Chef werde sie heiraten, sondern damit sie ihren Lebensunterhalt verdient und damit sie so die Unabhängigkeit und Freiheit gewinnt, die vor zwanzig Jahren ein junges Mädchen nicht gewinnen konnte.
Die Daktyle wird voraussichtlich nie mehr aus dem äußeren Dienst des Lebens verschwinden, so wenig, wie aus dem Verkehr Fahrrad und Auto verschwinden werden. Auch diese brauchten Jahre, bis sie sich durch allerhand Zwischenformen zu einem Standardtyp entwickelt hatten. Das Rad jedenfalls. Das Auto ist noch der Mode untertan, weil die wahnsinnige Konkurrenz der Fabriken immer Neuheiten herausbringt. Aber das gilt nur für die Luxusmaschinen. Auch unter den Daktylos mag es noch die eine oder andere geben, die in die Kategorie der Luxusartikel gehört, doch die meisten sind wackre Gebrauchsmaschinen, was sie nicht daran hindert, reizend auszusehen.
Wenn man früher an einem Bankschalter wartete, standen neben einem Ausläufer, Kassenboten und allerlei männliches Angestelltenmaterial. Heute sind es fast nur junge Mädchen, die mit Banknotenpaketen in der Hand anstehen und auf ihre Quittung warten. Und ich wette, sie denken nicht einmal daran, wieviel Paar Seidenstrümpfe und welches bezaubernde Kleid sie mit einem der Tausender kaufen könnten, die sie für die Firma einzahlen.
Aus den Blüten im Mai werden Früchte im Herbst. Aus dem romantischen Blütentyp der ersten Daktylos ist der Typ der unentbehrlichen weiblichen Hilfskraft im Erwerbs- und Verwaltungsleben geworden.
Und vielleicht denkt dieser und jener: Ja, und ein Apfel ist süßer als der andre.