Messenwein ist doch wohl das Beste, Reinste, Unverfälschteste, was der Boden in weiter Runde hergibt. Messenwein ist sozusagen ein Glaubensartikel. Nicht daran zu tippen.
Umgekehrt wird eine Weinmesse daraus. Nämlich heute, Donnerstag nach Ostern, in Grevenmacher. Und auch da soll das Beste, Reinste, Unverfälschteste zu kosten sein.
Alle Weininteressenten werden da sein. Weininteressent ist ein häßliches Wort für eine sympathische Sache. Ein Weininteressent ist ein Mann, der gerne guten Wein trinkt und andern gerne guten Wein zu trinken gibt. Es sind zwar auch noch die andern da, die auf dem Wein gern möglichst viel Geld verdienen, ob er gut oder schlecht ist. Für die ist das Wort immer noch nicht häßlich genug. Sie sind Tempelschänder, und die Weinmesse ist ihnen etwas wie ein Sklavenmarkt.
In Grevenmacher proben sie heute auch die 1926er aus den staatlichen Versuchsweinbergen. Dem einen davon wird nachgesagt, er sei ein so kräftiges Knäblein, daß er in der Wiege schon 92 gewogen habe. Er ist aus der großen Familie der Pinot. Es soll sich zeigen, ob dieser berühmte Ausländer aus unserm Heimatboden soviel spezifisch Luxemburgisches gesogen hat, daß wir ihn als Landsmann ansprechen und hinfüro stolz ein dürfen, mit seinen vornehmen Vettern aus der Champagne, dem Burgundischen usw., versippt zu sein. (Denn sippen und versippen ist nicht immer das, was wir hier gemeinhin darunter zu verstehen pflegen.)
Die - sit venia verbo - Weininteressenten werden also heute auf allen Wegen in Grevenmacher zusammenströmen. Die besonders poetisch Veranlagten werden wohl gerne den Umweg durch das Trintinger Tal wählen, um sich von der Kirschblüte recht frühlingsfroh stimmen zu lassen. Und alle werden von serne, wenn sie lange nicht in Grevenmacher waren, in die erstaunte Frage ausbrechen: Was ist denn das für ein Turm? In Grevenmacher haben sie nämlich dem alten, streitbaren, stiernackigen und breitschulterigen Kirchturm einen neuen Hut aufgesetzt. Er sieht damit kokett den Nachbarhäusern über die Firste. Es ist ungefähr, wie wenn sich der wackere alte Bürgermeister Ditt ein Stutzerstrohhütchen mit farbigem Seidenband auf den Schädel geftülpt hätte.
Man geht trotzdem immer wieder gerne nach Grevenmacher. Es ist im Moselabwärtstreiben wie der letzte gemütliche Heimatgruß. In die rauhe Moselart fließt schon ein wenig von der behäbigeren, sanfteren Sauerluft. Und für die Gebildeten bleibt Grevenmacher immer das Städtchen, in dem einst Coethe an einem Briefkasten besinnliche Sachen gedacht und als ein malerisches Stück Weltgeschichte in seine Werke gebracht hat. In Grevenmacher war immer der Gipfel der Distriktsverwältung, darum ist es viel mehr, als ein gewöhnlicher Kantonshauptort, und das Bewußtein einer solcher Emporgehobenheit gab den Bürgern das Gefühl, daß sie sich stets besonderer Würde zu befleißigen hatten. Aus solchen Verhältnissen und Zusammenhängen entwickelten sich Typen von mancherlei und besonderer Art.
Als Weinmetropole liegt Grevenmacher zwischen unserm Wein-Mekka Wormeldingen und dem deutschen Sternbild, in dem die hellsten Namen von Saar, Ruwer und Mosel leuchten. Man könnte sagen, Grevenmacher verkündet am lautesten das Evangelium von der Bekömmlichkeit unsers Weines, denn es waren und sind Aerzte, die am meisten und erfolgreichsten für seinen. Anbau wirkten und wirken, die Dr. Clasen, Dr. Knaff, Dr. Dietz und in unsern Tagen Dr. Godart und der treffliche Tunn, der sogar dem Hippokrat den Stuhl vor die Tür gesetzt hat, um für Bacchus mehr Platz zu gewinnen. Sie werden, heißt es, demnächst in der Vesper zu Grevenmacher den Vers einflechten: Vinum Mosellanum (singt ein Chorknabe) und Omni tempore sanum! (respondiert der Chor).
Und wir summen leise hinterher:
Der Winzer Schutz, Herr Kilian,Bescher’ uns etwas Feines.Es wäre endlich wieder einmal an der Zeit. Seit der letzte gute Tropfen gewachsen ist, sind sechs Jahre vergangen, die längste Pause, die seit Menschengedenken zwichen zwei guten Jahrgängen gelegen hat.