Wir haben eine neue Erscheinung in unserm Straßenbild zu registrieren.
Es handelt sich um ein Wesen, das in die Gattung der apokalyptischen Ungeheuer gehört. Nur daß es harmloser ist.
Du siehst es von weitem auf Dich zukommen. Es besitzt als Rumpf einen plattgedrückten Zylinder, der die Farbe einer mit Kaffee kaum merklich getönten Milch hat. Es scheint auf Rädern durch einen Benzinmotor fortbewegt zu werden, aber Du stellst in der nächsten Sekunde fest, daß es nicht rollt, sondern vielmehr gewissermaßen fliegt, ohne jedoch richtig zu fliegen. Es fliegt mehr oder weniger wie die Hühner, die mit ausgebreiteten Flügeln vor einem Hund oder einem Auto her über die Straße halb laufen, halb flattern.
Aber es macht deutlich den Eindruck des Fliegens durch zwei große Schwingen, die es seitwärts ausbreitet. Sie sind ebenso anmutig wie konstruktiv gebaut, indem sie bogenförmig bis an die Häuserfronten rechts und links ausholen. Sie bestehen nicht aus Federn, sondern aus Perlensträhnen, die in der Sonne glitzern. Indem es durch die Straße auf Dich zufliegt, siehst Du, wie es diese Schwingen kaum merklich bewegt, und wenn es ganz in Deine Nähe kommt agnoszierst Du es als einen funkelnagelneuen Berieselungswagen.
Er heißt so, weil er manchmal die Straße berieselt, manchmal das Trottoir, manchmal die Passanten. Daran merken sie am deutlichsten, daß dies neue Ungetüm ein Berieselungswagen ist.
Auf seinem Nacken sitzt ein Mann, wie ein Elefantentreiber auf dem Nacken eines Elefanten. Dieser hat es in der Hand, die Schwungbreite der Flügel zu regeln. Er kann damit, wie gesagt, rechts und links zugleich bis an die Häuserfronten reichen, oder nur bis an die Bordsteine des Bürgersteigs, oder er kann die Wunderschwingen auch ganz einziehen.
Kommt das Märchentier auf Dich zu, so tust Du wohl daran, Dich in einem Hausgang oder in einer Toreinfahrt oder durch schleunige Flucht in Sicherheit zu bringen. Es kann sein, daß der Kornal droben Dich bemerkt hat, es kann auch sein, daß er Dich nicht bemerkt hat. Hat er Dich nicht bemerkt, so hat er keine Veranlassung, die Berieselungsorgane einzuziehen, hat er Dich bemerkt, so kann es immerhin sein, daß er sie zu spät oder gar nicht einzieht, entweder aus dem Gefühl heraus, daß das Berieseln im Interesse der Allgemeinheit liegt, und daß Einzelinteressen dem allgemeinen Interesse sich immer unterordnen müssen. Oder er will sich mit Dir einen kleinen Jux machen und spritzt Dich ein wenig an, oder er hat irgend etwas gegen Dich, Deine Beinstellung gefällt ihm nicht, oder er hält Dich für einen Schieber, oder er nimmt an, Du werdest bei den nächsten Wahlen nicht für seinen Kandidaten stimmen, kurzum, Du kommst unter die Douche und schimpfst ohne erkennbares Ergebnis auf den Elefantentreiber, auf sämtliche Rieselwagen, auf den städtischen Hygienedienst, der diesen Wagen sozusagen als seine rollende Visitkarte durch die Straßen schickt, auf die ganze Stadtverwalttung, auf das Wetter und auf die bestehende Weltordnung im allgemeinen.
Und wieder einmal dämmert in Dir der Wunsch, jener Mann zu sein, der die städtischen Wasserstrahlen über Gerechte und Ungerechte so souverän entsendet.