Die Fahrt endigte bei der Funny in Echternach. (Je nachdem man sie luxemburgisch oder hochdeutsch aussaßt, bekommt sie den werblichen oder sächlichen Artikel: die Funny oder das Funny.)
Es soll hier nicht zur Erörterung gestellt werden, ob der blaßrosa „Mönner Leyer“ der Funny veredelnder auf den Charakter wirkt, als der lokale Kräutermagenbitter Buff. Es soll nur von einem kleinen Erlebnis die Rede sein. Wir erlebten an der gastlichen Tafel der Funny einen malerischen Gegensatz.
Ein belgisches Reise-Trio nahm neben uns Platz. Ein junges Paar und ein älterer - nennen wir ihn der Einfachheit halber Herr, obgleich er diese nivellierende Bezeichnung nicht verdiente. Er war offenbar der Schwiegervater. Wenn ein Vater Schwiegervater wird, hat lange Zeit der Schwiegervater das Übergewicht. Auch dieser gab sich sichtlich Mühe, von seinen Vatergefühlen die schuldige größere Hälfte auf das Angeheiratete zu übertragen.
Der erwähnte Gegensatz lag zwischen diesem Schwiegervater und der Tatsache, daß die junge Frau ein Schoßhündchen auf dem Arm trug.
Es besteht keine grundsätzliche Inkompatibilität zwischen einem Schwiegervater und einem Schoßhündchen. Aber dieser Schwiegervater sah eben nicht so aus, als könnte er eine Tochter oder Schwiegertochter haben, zu der ein Schoßhündchen gehörte.
Er hatte nämlich die schwieligsten Hände, die unförmlichsten Arbeitsfinger, die ich je bei einem Menschen gesehen hatte. Jeder seiner Finger war ein überlebensgroßer Proletariertyp, jeder von ihnen erzählte durch besondere Narben, durch eine ganz individuelle Formlosigkeit, die die ungeheuerste Formbetonung war, seine besondere Lebensgeschichte. Da war z. B. der Mittelfinger der linken Hand, der erzählte, wie er mit dem Nagel einmal zwischen Hammer und Amboß geraten war. Er sah an der Spitze breit, grotesk verwulstet, galgenhumoristisch verstümmelt aus.
Diese phantastischen Zyklopenhände, die mit Messer und Gabel umgingen, wie ein Elefant mit einem Spazierstock, konnten nur einem Schwerarbeiter gehören. Ich riet auf einen Landwirt, aber dafür hatte der Mann ein zu farbloses Gesicht und zu schwarze Hände. Ich situierte ihn lieber in die Tiefe einer Kohlengrube des Borinage.
Da saß er, das Bild eines Grande der Arbeit. Er benahm sich mit den Formen, die für seinesgleichen ein Sonntagsgewand sind, ungewohnt, mit Würde getragen und mit dem Bewußtsein, daß Kleider Leute machen. Er hatte einen interessanten Kopf, das Gesicht eines in seinem Kreis Überlegenen, Anerkannten, nichts von Brutalität und rohem Draufgängertum. Seine Rede war gemessen, sonntäglich. Ich bin sicher, daß er nachher froh war, sich in der Gaststube mit gedecktem Rücken an einen Tisch zu hocken und eine Pfeife Obourg zu rauchen.
Und nun denken Sie sich ihm gegenüber die junge Dame - jawohl, Dame, - die seine Tochter oder Schwiegertochter war und auf ihrem Arm ein Schoßhündchen trug, das sie nicht verließ. Sie trug es, wie einen Orden pour le mérite der höheren Damenhaftigkeit. Denn nicht wahr, wenn eine ein Schoßhündchen mit sich herumträgt, muß sie mindestens eine Gräfin oder die Freundin eines mediatisierten Fürsten sein. Eine Dame und ein Schoßhündchen in idealer Konkurrenz bilden das Syombol der gesellschaftlichen Nutzlosigkeit, des Luxuswesens, der kulturellen Überspitztheit. Sie sind ein Blinddärmchen, ein Tierschutzverein in der Westentasche. Sie sind der schärfste Gegensatz, den man sich zu einem Arbeiter mit schwieligen Händen denken kann.
Aber ich glaube trotzdem, daß ich mir ein Hündchen, wie dieses, kaufen werde. Es war ein Brüsseler Pintscher. Es glich einem King Charles, insofern es unablässig die Zunge herausstreckte.
Aber ein King Charles streckt die Zunge heraus, wie ein König, und dieser Brüsseler Pintscher tat es, wie ein Gassenbübchen aus den Marollen.