Original

4. Mai 1927

Der bekannte belgische Publizist Louis Hymans hat vor genau fünfzig Jahren einen Band Erinnerungen „Types et silhouettes“ veröffentlicht, der auch ein Kapitel über Zeitungen und Zeitungsschreiber enthält. Es liest sich gradezu putzig, wie damals die größten Blätter noch ganz im Biedermeiertum drin steckten. Man stößt zum Beispiel auf kulturhistorische Kuriosa in der Art des folgenden: „Nehmen wir die „Times“, die teuerste Zeitung, die 30 Centimes die Nummer kostet. Gesetzt, ihre durchschnittliche Auflage betrage 50 000. Der Verkaufspreis brächte noch lange die Kosten der Herstellung nicht herein, woraus hervorgeht, daß jede Zeitung nur auf ihren Anzeigen verdienen kann.“

Hoffen wir für die „Times“, daß seit 1877 ihre Durchschnittsauflage sich etwas gehoben hat.

In demselben Kapitel plaudert Hymans über die Anfänge des Gründers der Reuter’schen Telegraphenagentur.

„Ich erinnere mich, früher eine sehr gewöhnliche Persönlichkeit kennen gelernt zu haben, einen Deutschen, literarisch sehr ungebildet, aber intelligent, der zuweilen in die Büros der „Indépendance“ kam und nur von Brieftauben und Telegraphie sprach. Im Äußern sah er nicht nach einem wohlhabenden Menschen, nicht einmal nach einem Geschäftsmann aus. Ich entsinne mich nicht, in seinen Gesprächen je etwas Bemerkenswertes gefunden zu haben. - Er hieß Reuter, und er muß doch wohl außergewöhnliche Eigenschaften und neue und praktische Ideen gehabt haben, da er heute „Baron Reuter“ heißt und seinen Sohn an eine Prinzessin oder seine Tochter an einen Prinzen verheiratet hat, zehnfacher Millionär ist und europo-astatico-americo-africo-ozeanischen Ruf. genießt. Das Reuterbüro ist in den unbekanntesten Winkeln des Weltalls bekannt. Baron Reuter ist bei allen Festen am englischen Königshof. Baron Reuter hat eine Spalte Biographie im Großen Larousse. Baron Reuter ist eine europäische Berühmtheit geworden.

Nun, es gereicht mir gewissermaßen zur Genugtuung, daß ich sagen kann, ich habe den Baron Reuter gekannt, als er noch nicht Baron war, sondern ganz einfach Reuter hieß, und als er ganz sicher keine Ahnung hatte, daß er eines Tages Baron würde, daß der Reuter eine große Persönlichkeit würde, und daß er dem Schah von Persien vorschlagen würde, die Ausbeutung seines Reiches zu übernehmen. Es gibt kein anderes Beispiel eines Vermögens, das rascher und mit weniger Kostenaufwand erworben worden wäre. Es mußte allerdings einer kommen, der es begriff, daß ein Telegraphendraht ein Vermögen erzeugen konnte, wenn man an jedes Ende einen Journalisten setzte.

Ich glaube sogar, daß bei der Ausheckung seiner ersten Pläne Reuter mehr als einen guten Rat Perrot’s benutzte. (Perrot war um 1850 französischer Redakteur an der Brüsseler „Indépendance.) Perrot, der immer auf der Suche nach raschen Informationsmitteln war, hatte sich überlegt, daß ein Telegramm von Wien nach London ohne große Kosten in Brüssel abgeschrieben und veröffentlicht werden könnte. Reuter bemächtigte sich sofort dieser Idee, um einen europäischen Telegraphendienst zu organisieren. Er besaß außerdem das Talent, sich ein wahres Monopol zu schaffen, indem er sich in jedem Land mit der Hauptfirma in Sachen Publizität verbündete, in Frankreich mit Havas, in Deutschland mit Wolff, in Italien mit Stephani, mit andern in Österreich und überall, und so wurde ihm die ganze Welt tributpflichtig. Zwanzigmal wurde versucht, eine Konkurrenz gegen ihn aufzurichten, aber nie gelang es. Allein die Regierungen könnten versuchen, den Kampf mit ihm aufzunehmen, aber das ist nicht ihre Aufgabe. Ich nehme übrigens an, daß sie es bequemer finden, sich seiner zu bedienen, als ihm Schwierigkeiten zu machen.“

Auch heute noch ist interessant, was Hymans über die Zuverlässigkeit und Objektivität der Reuteragentur vor fünfzig Jahren sagte:

„Die Reuteragentur erhebt nicht den Anspruch, die öffentliche Meinung zurecht zu kneten, wie die Havasagentur, und ich habe nie gehört, daß ihre Unparteilichkeit augezweifelt würde. Wir kennen die Havasagentur nur durch die Telegramme, die sie von Paris an die belgischen Blätter schickt. Sie macht sie in der Regel im Interesse der französischen Regierung zurecht u. bezahlt auf diese Weise die kleinen Vergünstigungen, die sie von der Regierung in Gestalt von offiziösen Mitteilungen, Beförderungsprivilegien usw. erhält. Aber in Frankreich selbst ist die Havasagentur eine Macht im Staat.“

Wenn sich im Journalismus seit fünfzig Jahren vieles geändert hat - vieles ist auch unverändert geblieben.

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    Katalognummer BW-AK-015-3433