„Zur Zeit des deutschen Zollvereins“ ist eine Formel, die in unsern Kammerdebatten öfters wiederkehrt. Sie hat dort einen rein wirtschaftspolitischen Klang.
Sie kann aber auch einen intim kulturhistorischen, unsäglich anheimelnden Nebenton haben. Sie bezeichnet eine Epoche, die uns heute als geschichtsgeologische Ablagerung erscheint und in die ein köstlicher Anekdatenschatz eingehettet ist.
Man muß, um dies zu verstehen, zuweilen mit Zöllnern zusammensitzen, die vor dem großen Krieg an der belgischen Grenze entlang standen, lagen, saßen und ritten.
Sie hatten ein Leben, von dem sich der seßhafte Bürger im Innern des Landes kaum eine Vorstellung macht. Alle diese jungen Anwärter und Einnehmer und Kontrolleure und wie sie hießen, waren aus Kreisen, wo Form und Bildung den Ausschlag gaben, sozusagen in Urzustände verletzt, wie Menschen, die im Gesellschaftsanzug ins Wasser gefallen wären und sich herausschwimmen müßten.
Die ganze meteorologische Touleiter des Jahres mußten sie hinauf- und herunterklettern, bei Tag und bei Nacht - besonders bei Nacht - in Hemdsärmeln und im Gehpelz. Mußten ihre Tage zubringen im Verkehr mit Menschen, die gut oder schlecht oder neutral in tierhafter Schlichtheit waren, dicht an den Brettern, mit denen die Welt zugenagelt ist. Den Zwang der Formen hatten sie, wie schadhaft gewordene Sonntagskleider, von sich abfallen lassen, oder wenn sie damit kokettierten, sah es nach Selbstironisierung aus.
Volabeln mit rätselhaft traulichem Klang steigen auf: Harel, Beiler-Leithum, Tratten, Beeßlea, Brittner.
Ach ja, der Vritiner! Er war zum Eigennamen geworden, der jeder Deklination trotzte. Der Brittner, des Brittner, dem Brittner, den Brittner, o Brittner, von dem Brittner. Aus dem Berittenen war der Brittner geworden. Der Kontrolleur ritt auf Tour mit seinem Brittner. Die Brittner waren eine große Familie, in der Humor und guter Appetit erblich waren. Der Brittner gehörte zu seinem Vorgesetzten, wie Sancho Pansa zu Don Quixote (ohne Vergleichung der Personen). Darum sind auch die meisten Anekdoten, die aus der Zeit des deutschen Zollvereins erzählt werden, zweistimmig, das heißt, es treten als handelnde Personen meist ein Vorgesetzter und ein Brittner auf.
Ein Beispiel, um Ihnen die Sache klar zu machen, sagen sie in der Kammer, wenn es immer perwurstelter wird.
Also der Herr Inspektor hatte mit seinem Brittner in Harel gegen Sturm und Wetter nach langem, mühseligem Dienstritt Unterschlupf gesucht. Bei wem, tut nichts zur Sache. Wer in Harel Bescheid weiß, nenut sofort den Namen des gastlichen Hauses. Der Wirt schenkte einen vortrefflichen alten Kornschnaps. Es war bitter kalt, und die zwei Diener des Fiskus froren, bis auf die Knochen. So dauerte es eine Weile, bis sie austauten. Dann tranken sie noch eins zum Abgewöhnen, dann noch eins „pour tuer le ver“, und ein drittes, weil drei göttlich ist.
Als sie fortreiten wollten, machte das Aufsitzen dem Herrn Inspektor einige Schwierigkeiten. Mal kam ihm der lange Säbel zwischen die Beine, mal traf er mit dem Fuß hartnäckig neben den Steigbügel, mal wartete der Gaul nicht, bis der Reiter „huppla“ machte. Bis ein paar hilfreiche Hände dem Herrn Inspektor einen Lupf gaben, der aber so energisch ausfiel, daß der Herr Inspektor auf der andern Seite wieder herunterpurzelte.
Als ihm sein Brittner auf die Beine geholfen hatte, zog er die Uhr und sagte: „Nu, da wir grade unten sind, Brittner, wollen wir noch einen Karli genehmigen“.
Der Brittner war es zufrieden.
Um die Lippen des Gauls spielte ein Lächeln.
Ich schlage vor, die Zollbeamten setzen einen Ausschuß nieder mit dem Auftrag, alle diese Geschichtchen zu sammeln und herauszugeben. Sie sind es wert. Es zuckt einem in den Fingern vor Lust, dazu ein Vorwort zu schreiben.