Original

6. Mai 1927

Die Revue ist gewissermaßen der geistige Grächen der Hauptstadt.

Grade wie sie an der Mosel sagen: Ein gutes oder ein schlechtes Jahr - so richtet sich für uns das Jahr in gewissem Sinn nach der Revue: Ob etwas wächst, ob es ein gutes oder schlechtes oder mittelmäßiges Getränk wird, oder ob am Ende gar nichts wächst. So um Januar Februar herum hört man in den Gesprächen: Gibt es heuer eine Revue? Man verfolgt den Fortgang mit gesteigertem Interesse und erkundigt sich bei denen, die es wissen können, mit wieviel Grad Oechsle man rechnet.

Dann wird mit den alten Jahrgängen verglichen. Auch die Revue hatte ihren fünfundsechziger, ihren achter, elfer, fünfzehner, siebzehner, zwanziger und einundzwanziger. Wie der Wein, werden die Revuen mit dem Alter besser, aber vielleicht nur in der Erinnerung der Zuschauer. Wie firnen Wein, so würden sie vielleicht die prickeluden Sachen von dazumal heute flach finden.

Die diesjährige Revue übertraf in mancher Hinsicht ihre Vorgängerinnen. Wer sich erinnert, welche unsägliche Mühe es vor Jahren kostete, für die luxemburger Bühne in der gesittetsten Rolle auch nur ein junges Mädchen aufzutreiben, der wird Augen aufreißen. Hier sind ihrer gleich ein Dutzend, die keck und buchstäblich der Legende entgegentreten, daß die Mode der seidenen Strümpfe den Haarwuchs auf den Beinen begünstige. Und die eine oder andre darunter, besonders die eine, weiß zu tanzen wie der Stern eines Sister-Konzerns von europäischem Ruf. Auf der Männerseite sind die Donnen, Moulin, Düsseldorf. Wester, Funck, Peisser, Lommel, Schoentgen und einige andere wie Fettaugen auf der Suppe.

Die Revue ist gestopft voll tresslicher Ideen, die aber nicht immer so wirksam durchgeführt sind, wie sie es hätten sein können. Es sind im ersten Akt Ansätze zu malerischen Szenen vorhanden, in denen bekannte Persönlichkeiten und Verhältnisse aus Luxemburgs Biedermeiertagen verarbeitet sind. Grade dieser Teil hätte sich zu einer farbigen Heraufbeschwörung geeignet. Aber es muß anerkannt werden, daß Herr Boeres mit dem überlieserten Stoff, den er nur von Hörensagen kennen konnte, dennoch Bilder gestaltet hat, die die Alten und die Jungen interessteren. Die Spinnstube mit dem alten und dem jungen Pärchen in wirksamem Gegensatz war für eine Revue vielleicht etwas lang - gesponnen. Die patriotische Aufwallung im Munde des auferstandenen Michel Rodange hätte dieser trotz seiner warmen Heimatliebe kaum unterschrieben. Ein xenophobischer Hauch aus chinesischen Hafenstädten weht daraus über die Bühne. Wir wohnen hier zu exponiert in einem Glashaus, um aus dem Boykott der Fremden eine laute Nationalforderung zu machen. Suchen wir im Herzen gute Luxemburger zu bleiben, die durch inneren Wert ihr Recht auf Selbständigkeit nachweisen, so können uns die Fremden nichts anhaben. Die Losung: Den Fremden die Türe zu! klingt jedenfalls sonderbar in einem Ländchen, das immer stolz darauf ist, wenn eines seiner Kinder im Ausland Fuß gefaßt und Anerkennung gefunden hat, und aus dem dauernd fast soviel Zehntausende in der Fremde ihr Brot finden, wie in der Heimat wohnen.

Ein genialer Einfall war es, vom Orpheon am Schluß des ersten Aktes zur Rodange-Apotheose das Finale der von Fern. Mertens zur Rodange-Jahrhundertseier komponierten Kantate vortragen zu lassen. Auch diesmal verfehlte die wuchtige, vorzüglich aufgebaute und durchgearbeitete Tondichtung ihre Wirkung nicht. Nur August Donnen konnte es übernehmen, inmitten dieser Tonfluten die Gestalt des Dichters zu verkörpern, der erst erstaunt, dann überwältigt diese nachträgliche Huldigung über sich ergehen läßt.

Das Glanzstück, der Tafelaufsatz des zweiten Aktes ist die Römerszene, in der ein geflügeltes Wort aus einer jüngsten Kammersitzung dramatisch verarbeitet ist. Ein Abgeordneter hatte einem Kollegen zugerufen, er habe im Kopf, was in einem bekannten Schauerromantitel bekanntlich in die Laterne verlegt wird. Um sich davon zu befreien, wird der Arzt gerusen und die Operation gelingt. Das alles in luxemburgischen Knittelversen von wirklich Ringelnatz’schem Schwung.

Die Sucht nach Ausstattung, die in den Revüen der letzten Jahre vorherrschend war, konnte sich zum Schluß auf der trauten alten „Märeistraap“ austoben, erst in buntem Fastnachtstreiben, dann in dem Aufmarsch Aller zum luxemburger Rosenfest.

Der musikalische Teil zeigte Herrn Boeres ganz auf der Höhe seiner Aufgabe. Er traf in der Auswahl überall das Richtige, der Marsch aus der „Hölzernen Trompete“ im ersten Akt, der Marsch, der im zweiten Akt den Reigen der Masken begleitet und viele andere befannte und unbekannte Weisen waren wirksamste Unterstreichung der Handlung. Das alles klang im Orchester, wie es klingt, wenn einer sich darum kümmert, der die Sache versteht.

Der nachhaltigste Eindruck ist schließlich der, daß in der Rekrutierung der Mitwirkenden das Äußerste geleistet wurde. (Es wäre schon allerhand gewesen, wenn man auf der Damenseite nur die Hauptsängerin, die Tänzerin und die anschmiegende junge Braut zu buchen gehabt hätte.) Mit dieser Aufführung, nach der der Beicht’schen Volksoper, ist der Beweis erbracht, daß es an Kräften für ein luxemburgisches Liebhabertheater nicht fehlt. Aber der Henker mag es übernehmen, die Auswahl zu treffen und die Auserwählten zu einem disziplinierten Ganzen zusammenzuschweißen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3435