Man schickte mir ein Büchlein, braun broschiert, und auf dem Deckel stand „Straßen“.
Aha, dachte ich, der rührige Herr Bürgermeister von Straßen gibt einen Fremdenführer heraus.
Ein Blick hinein belehrte mich eines Besseren. Ich erkannte sofort an der Anordnung der Druckzeilen, daß es sich um Gedichte handeln mußte.
Ich wurde in dieser Auffassung bestärkt, als ich Seite 14 las:
„Und wie auch treiben wir, die Losen,im Flut- und Ebbespiel der Düfte.enthaucht dem Paradies der Rosen,wir weben Leben in die Hüftedes Ursinns weisen Geistesstreben.“Noch bestärkter wurde ich, als ich Seite 18 las:
„O, Pan, vergiß nicht deine Pslichtzu wachen, daß die Tage besser werden;dann machen wir am Jüngstentaggerichtzum Führer dich der Menschheit Herden.“Denn nur ein Dichter vermag die Grammatik mit so souveräner Verachtung zu mißhandeln.
Ich begriff, daß ich diesen jüngsten Gedichtband besprechen sollte.
Aber selten war ich vor eine verflixtere Aufgabe gestellt.
Ich sagte mir: Dieser junge Mann hat seine Gedichte drucken lassen und hat dafür, wie die Indexziffer steht, schweres Geld bezahlen müssen. Also hält er seine Gedichte für gut, also müssen sie gut sein.
Ich ward mir bewußt, daß ich meine Zeit nicht mehr verstand. Sie kam mir vor, wie meine Großmutter, wenn sie mit fünfzig Jahren einen Bubikopf und kniefreie Röckchen getragen hätte.
Eines Tages besuchte mich der Dichter in meiner Klause.
Alle, vom Straßenwärter bis zum Generaldirektor müssen ihre berufliche Befähigung durch Zeugnisse oder Diplome nachweisen, worauf sie eine Ernennung erhalten, an der sie wie an einem Tau am Karussell des Lebens mit rund schwingen.
Nur der Dichter geht unernannt und unangebunden kreuz und quer durchs Leben, ganz auf sich selbst gestellt, oft zentrifugal abgeschleudert. Fit. faber, nascitur poeta. Zum Dichter muß man geboren sein. Ein Dichter in seinem Umkreis ist so etwas Kostbares, wie eine Perle in einer Muschel.
Ein großes, beängstigendes Verantwortlichkeitsgefühl beschlich mich beim Anblick dieses Dichters.
Ich überlegte: Hat er den Beruf und du reißest ihn herunter, so ist das ein Verbrechen. Hat er den Beruf nicht und du preisest seine Gedichte, so ist das ein noch viel größeres Verbrechen. Du bist dann an einer Entgleisung schuld, die einen Menschen zugrunde richtet. Nie in meinem Leben war ich so perplex.
Nun kannte ich in der Redaktion einer führenden deutschen Zeitung einen Schriftsteller, dessen Bücherbesprechungen von großem Talent, großer Aufrichtigkeit und moderner Einstellung zeugen. Ihm schickte ich das Büchlein und bat ihn, es für unsere Zeitung zu besprechen. Ich gestand ihm offen, daß mir alle Maßstäbe entglitten waren, daß ich dieselbe Unsicherheit empsand, wie wenn ich in einer Negerinnen-Schönheitskonkurrenz Preisrichter sein sollte.
Ich hoffe, daß er die Gedichte meines jungen Landsmannes herrlich finden wird.
Inzwischen aber ist diesem die Geduld ausgegangen. Denn er schickte mir dieser Tage folgende „Faktura“:
„Ein Exemplar „Straßen“, Gedichte und Prosa, Fr. 7.50. - Betrag, den Sie mir bitte postwendend zukommen lassen, da Besprechung nicht erfolgt ist. - N.B. Aufgeschnittene Exemplare werden nicht zurückgenommen!“
Dies Letztere ist eine empfehlenswerte Vorsichtsmaßregel. Denn man kauft oft aufgeschnittene Bücher nicht, weniger weil sie aufgeschnitten sind, als weil man einen Einblick in den Inhalt bekommen hat.
Jetzt bin ich übrigens über die Zukunft dieses jungen Mannes beruhigt. Denn wenn er wider Erwarten kein Dichter wäre, so würde er, nach dieser Probe zu schließen, ein tüchtiger Geschäftsmann.
Aber ich hoffe immer noch, daß er ein Dichter ist.
Seine Franken 7.50 habe ich ihm geschickt.
Vertrinkt er sie in fröhlicher Gesellschaft, so besteht große Wahrscheinlichkeit, daß er ein Dichter ist. Kauft er sich Schntirsenkel dafür, so endigt er totsicher als Kurz- oder Kolonialwarenhändler.