Original

21. Mai 1927

Unserer Zeit wird, wie allen Zeiten, allerlei Übles nachgesagt.

Man kann ihr auch Gutes nachsagen. Ich war gestern abend im Café Hippert und hörte Herrn Maurice Blondel die Humoreske von Dvorschak spielen.

Vor fünfzig Jahren gab es das nicht, daß man abends zu einem Glas Bier ging und ein Künstlerkonzert in den Kauf bekam.

Das hat unsere Zeit gebracht, die Demokratisierung nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kultur und ihren Genüssen.

Die Musik sickert durch tausend Kanäle ins Volk, wo sie sonst nur als kostbares Rinnsal hoch oben für die Aristokraten von Bildung und Besitz zu fließen pflegte.

Das Demokratische kommt nicht etwa durch eine Niveau-Senkung der Leistungen, durch eine Verflachung der Musikproduktion zum Ausdruck. Sogar in der Jazzbandmusik ist heute fast immer ein Schuß wahrer Kunst. Aber die Konzerte, die früher verächtlich Bierkonzerte hießen, sind heute vielfach die wirtschaftliche Zuflucht besserer und bester Künstler. Da die Kunst heute mehr, als je, nach Brot gehen muß, spielt der Meisterviolinist eben da, wo er grade am meisten verdient. Und es entsteht eine segensreiche Wechselwirkung: Der Geiger weiß, daß er für eine empfängliche Masse, für ein oft jungfräuliches Empfinden, für ein dankbares Publikum spielt und ist mit ganzer Seele dabei, die Zuhörer fühlen sich beschenkt und ihr Geschmack wächst an den Meisterdarbietungen des Künstlers empor.

Es galt früher als üble Profanierung, daß man zu einer Beethoven Symphonie Bier trank, oder daß in einem Lokal, das zum Essen und Trinken da war, hochstehende Musik gemacht wurde. Man hat sich heute von dieser Prüderte freigemacht und fühlt sich imstande, selbst die überwältigendste Tonschöpfung voll zu genießen, auch wenn man in ihrer unmittelbaren Nähe keinen Durst leidet und keine Langeweile empfindet.

Daß bei Hippert ein erstklassiger Geiger mufiziert, hat sich schon herumgesprochen, aber unter der Hand. Fast ist es, als ob jeder das Wissen darum für sich behalten wollte, wie man es auch nicht überall herumerzählt, wo man im Wald den Platz mit den Maiglöckchen gefunden hat.

Erst war Maurice Blondel allein. „Er spielte uns die wundervollsten Soli,“ sagte gestern ein Stammgast. „Man brauchte nur einen Wunsch zu äußern, so schüttelte er Schätze aus dem Ärmel.“

Jetzt hat er ein ganzes Orchesterchen zusammen, ein vorzügliches Cello, einen Primgeiger als zweite Stimme, einen Meisterbaßgeiger und einen ausgezeichneten Pianisten.

Es genügt, daß er ein paar Takte lang seinen eigenen Weg geht, so weiß man, welche Klasse er ist. Sein Spiel ist um diese Zeit wie eine Steigerung des Frühlings, rein und makellos, wie die Blüten.

Er spielte, wie gesagt, u. a. die Humoreske von Dvorschak. Dies seltsam lustig-traurige. Stück ist ein Prüfstein für das Einfühlungsvermögen eines Künstlers. Maurice Blondel spielte es mit zärtlicher Sorgfalt, mit Verliebtheit in die Weise, mit Stolz auf sein schlackenfreies Können. Und kein Wort wurde laut, bis der letzte Ton, wie ein Seelchen, in die Höhe verschwebt war, da brach der Beifall an allen Tischen los.

Wirklich, das kann man unserer Zeit nachrühmen: daß heute so viele mehr, als früher, an der Tafel der reinsten Genüsse sitzen dürfen, wenn sie nur wollen Und wollen sie nicht, so ist es um sie nicht schade.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-015-3448