Seit einiger Zeit will sich der Titel dieser Rubrik mit einer kleinen Variante, nämlich als „Abreisekalender“ in die Feder drängen und ich muß ihn jedesmal streng zurechtweisen.
Bis die Reisezeit kommt, behilft man sich mit Reiselektüre. Englische Romane geben in diesem Betracht die reichste Ausbeute. Die Engländer waren immer die ersten Reisekünstler der Welt. Man nimmt kein Nachkriegsbuch zur Hand, in dem die Handlung sich nicht zum Teil wenigstens quer durch Europa oder einen andern Weltteil zieht.
Louis Hymans, der in jüngster Zeit hier öfters erwähnt wurde, schreibt in seinen „Notes et souvenirs“, die 1877 erschienen: „Ich hatte das Glück, in einer Kinderzeit vieles zu sehen, was den meisten Kindern unbekannt ist. Wenn mein Vater einen Abstecher nach einer andern Stadt zu machen hatte, nahm er mich mit. So hat sich zum Beispiel das Bild des alten Brüssel, trotzdem ich als Kind nie dort wohnte, tief in meine Erinnerung gegraben. Mit sieben Jahren durchstreifte ich Holland in Postkutsche und Trekschuijt. Mit zehn kannte ich die Ufer von Maas, Mosel und Rhein bis Mainz. Meine Mutter führte mich Sonntags in den Kirchen und Museen Antwerpens herum, deren verborgenste Winkel ich schließlich auswendig wußte. Man lernt so besser, als aus den Büchern, und spürt in sich einen stärkeren Wunsch, zu sehen und zu lernen.
Diese Erziehungsmethode brachte mir den Geschmack am Reisen bei, und den suche ich heute auch meinen Kindern einzuflößen. (Ein Ideal von Vater!) Mein Sohn, der noch keine zwölf Jahre zählt, hat schon dreimal die Schweiz, London, Paris, einen Teil Deutschlands und fast ganz Belgien gesehen. Es bereitet unsagbares Glück, zu beobachten, wie diese jungen Seelen sich dem Licht erschließen, sich Rechenschaft geben, was ein See ist, ein Berg, ein Gletscher, eine Meerenge, eine bombardierte Stadt, wie Straßburg, ein Wasserfall, wie der bei Schaffhausen, eine Insel, wie die im Lago Maggiore, ein Alpenpaß, wie der St. Gotthard, eine Felsenküste, wie die von Dover, und die Greuel einer fremden Besetzung, wie die von Metz.
Und dabei kostet diese praktische Erziehungsmethode nicht mehr, als ein eintöniger Aufenthalt von einigen Wochen in einem Hotel zu Blankenberghe oder Ostende; man kann sich diesen Luxus leisten, ohne Vermögen zu besitzen und ohne das bescheidene Büdget eines Journalisten zu überschreiten.
Ich habe oft gehört und gelesen, daß man nicht sehr weit zu gehen braucht, um große Naturschönheiten zu bewundern. Ich bin ganz dieser Meinung, so habe ich zum Beispiel die angenehmste Erinnerung an mehrere Fußtouren bewahrt, die ich durch unsere Ardennen machte. Vor einundzwanzig Jahren durchwanderte ich diese Gegend zuerst mit zwei Kameraden. Wir fuhren mit der Bahn bis Chênée, von da gingen wir zu Fuß bis Comblain, die Ourihe entlang, über Tilff und Esneux, dann nach Barvaux und Durbuy, Laroche, Saint-Hubert, Rochefort, Grotte von Han, Dinant, Namür und zurück nach Brüssel.
Diese Reise dauerte acht Tage und kostete auf den Kopf sechzig Franken.
Diese wundervolle Gegend hat nur einen Fehler: Sie ist auf die Touristen nicht eingerichtet. So wie sie ist, erscheint sie Gymnasiasten, Studenten, Philosophen beim Durchwandern reizend. Aber versuchen Sie es einmal mit einer ganzen Familie!
Gehörte Luxemburg den Schweizern, so würden sie daraus ein Eldorado machen. In den ganzen Ardennen gibt es nicht ein einziges anständiges Gasthaus. Eine Finanzgesellschaft, die die touristische Ausbeutung dieser Gegend unternähme, würde goldne Geschäfte machen, die Fremden kämen zu uns, wie sie an den Rhein, an die Mosel und an den Neckar ziehen.“
Wir haben, wie Figura zeigt, weder die Schweizer noch eine Finanzgesellschaft gebraucht.