Original

25. Mai 1927

Daran ist kein Zweifel, daß in unserer Vorstellung Christoph Kolumbus einer der größten Helden aller Zeiten war, weil er Amerika entdeckt und das Ei des Kolumbus erfunden hat.

Aber es gab und gibt zu allen Zeiten Nörgler, Neidhardte, Ikonoklasten, die es nicht vertragen können, daß jemand ungestört auf einem Piedestal steht. Und sie geben nicht Ruhe, bis sie wieder einen Ruhm ausgelöscht, ein Denkmal zum Wanken gebracht haben.

Ihr laset vor einigen Tagen in dieser Zeitung einen Brief von Frantz Clément, der davon handelt, daß jetzt einer an unserm Helden Kolumbus rüttelt. Wir sehen ihn immer mit den Augen eines edeln Visiouärs am Schiffsmast stehen und deklamieren: „Nach Westen, o nach Westen hin - Beflügle dich, mein Kiel!“ Er war der Held ohne weiters, in Rein- zucht, der das gigantisch Große gegen das pygmäenhaft Kleine mit dem Trotz und der Gewalt seines Glaubens, seines Mutes, seiner Liebe und seiner Hoffnung durchsetzt.

Und nun soll er ein grobschlächtiger Abenteurer, ein Knote, ein brutaler Schieber gewesen sein.

Er ist nicht der einzige, der in diesen Tagen auf usurpiertem Heldenlorbeer schläft. Der Mai, der Wonnemonat Mai ist im selben Fall. In allen Ohren klingt es vom wunderschönen Monat Mai, da alle Knospen sprangen - und aus allen Nasen rinnt es von dem Schnupfen, der in diesen Wonnetagen aufgegangen. Schon steht der Juni vor der Tür, in kaum vier Wochen fängt das Jahr wieder an, bergab zu gleiten - und wir sehen noch nach den Heizungen und Wintermänteln, und drücken allmorgens die Nase ans Thermometer, ob es die Nacht nicht gefroren hat. Wir danken für derartige Maienwonne. Es ist direkt eine Ungezogenheit. Die Bäume und Sträucher und Blumen stehen da wie Leute, die zum Essen in ein Haus geladen sind und denen von den Gastgebern kein Mensch sich zeigt. So läßt die Sonne in diesem Mai ihre geladenen Gäste sich langweilen und frösteln und treibt sich hinter den Wolken herum oder tut, wenn sie wirklich einmal scheint, so hochnäsig vornehm, daß man von ihren Strahlen nichts spürt.

Ich dächte, mit Kolumbus und Wonnemonat könnte man uns also in Zukunft verschonen.

Aber so geht’s: Wer den Namen Frühauf hat, behält ihn, und wenn er der faulste Siebenschläfer ist.

Roch so viele Geschichtsforscher mögen sich eine Lebensaufgabe daraus machen, dem Christoph Kolumbus die alten Ruhmesfedern aus dem Sterz zu ziehen, er wird für die Massen immer der Held bleiben, der eine Heldentat heldenhaft getan und das Antlitz der Erde von Grund auf verändert hat. Was verschlüge es, wenn Lindbergh als Mensch zum übelsten Ausschuß gehörte: Er bliebe für die Massen trotzdem der Held, der den Ozean mit seinem leichten Mut bezwungen hat.

Und der Mai, das Rauhbein, der widerborstige Geselle, der gewalttätige Schwächling, der nicht imstande ist, dem Winter verspätete Einfälle zu wehren, er wird trotz seiner Ungezogenheiten nach wie vor von Dichtern und Liebenden als der Wonnemonat gefeiert werden.

Denn die Psyche der Massen, der Dichter und Verliebten ist nicht auf geschichtliche Wahrheiten und meteorologische Spitzfindigkeiten gerichtet.

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    Katalognummer BW-AK-015-3451