Original

26. Mai 1927

„Nanu, Herr Grimmberger, was sagen Sie zum Falle Lindbergh?“

„No ja, nicht übel im großen ganzen.“

„So ’n Wagemut, nicht?“

„Hören Sie mal, sind Sie nur stille mit Ihrem Wagemut! Was meinen Sie denn, hat nicht jeder von den Tausenden, die am Sonntag Abend nach Le Bourget zogen, mindestens so viel Wagemut bewiesen, wie Ihr Held Lindbergh?“

„Freilich, aber aus einem viel geringeren Anlaß.“

„Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken. Aber finden Sie nicht, daß diese Sturmflut von Massenpfychose, wie sie um das Flugfeld von Le Bourget toste, menschlich interessanter war, als die Leistung des Ozeanfliegers?“

„Sie mögen recht haben. Schließlich, was hat Lindbergh zum Wohl der Menschheit getan? In seinem Rekord explodieren sozusagen alle Bemühungen, alle kleinen und großen Erfindungen der Motor-Ingenieure und Flugforscher, die sich seit Jahrzehnten gehäuft haben, seine Leistung war theoretisch längst als möglich erwiesen, er fand den Mut, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um diese Möglichkeit praktisch darzutun. Aber Tausende setzen ihr Leben aufs Spiel, opfern es manchmal bewußt, und vollbringen Größeres, Gefährlicheres, vor allen Dingen Nützlicheres, sangund klanglos, ohne Gefahr zu laufen, daß sie von den Enthusiasten, die aus dem Häuschen geraten sind, totgedrückt werden.“

„Jaaa,“ sagte Herr Grimmberger mit weit aufgerissenen Augen und erhobenem Zeigefinger, „die kommen auch nicht aus dem Himmelsraum. Merkten Sie nicht: Alles, was sich in den Lüften abspielt, ist ein besonderes Fest für die Gaffer.“

„Hartes Wort, Herr Grimmberger, für die Zehntausende, die nach Le Bourget strömten, um sich einem jungen Helden zulieb halb tot drücken zu lassen.“

„Nun, es mögen wirklich sachlich gerichtete, aufrichtige, beherrschte Menschen dabei gewesen sein, die sich auf ihre Bewunderung einen richtigen Vers zu machen wußten. Aber im allgemeinen war wohl nicht viel mehr dahinter, als das in der Großstadtluft üppig wuchernde Bedürfnis, überall dabei gewesen zu sein. Das trotzige „Ich auch!“ der großen Kinder, der ungezogene Schrei des Individualitätskollers. Das zusammen nenne ich Gaffertum.“

„Ich möchte wissen,“ sagte ich, „welche Ovation einem zuteil würde, der zum Beispiel ein unfehlbares Mittel gegen Krebs oder Tuberkulose erfunden hätte.“

„Jaaa!“ machte Herr Grimmberger wieder, wie oben. „Jaaa! Das wäre ein großer Unterschied. Der eine hat für die Gesunden gearbeitet, der andere für die Kranken.“

„Wo läge der Unterschied?“

„Wissen Sie denn nicht, daß tief innen der normale gesunde Mensch kein wirkliches, wirkendes Interesse für den Kranken hat! Besondere Umstände können in Einzelfällen ein solches Interesse wachrufen, aber sich um Kranke sorgen, liegt nicht - buchstäblich genommen - in der menschlichen Natur. Liebe, hinaufgesteigertes Mitleid und Erziehung zu sozialem Empfinden bewirken den Anschein des Gegenteils, aber die Bewegung ist keine primäre, sie steht fast immer im Gegensatz zum Instinkt. Wie sollen Tausende eine elementare Begeisterung aufbringen für Dinge, die eigentlich hinter ihnen liegen? Denn nicht wahr, im Gefühl des Gesunden, der vorwärts strebt, ist der Kranke derjenige, der marode am Wegesrand hingesunken ist. Das erste Gefühl ist die Sorge um das eigene Heil, erst auf dem Umweg über Anerzogenes setzt die Sorge für den andern ein. Mit derartigen sekundären Wallungen lassen sich keine Ovationen, wie die von Le Bourget, schaffen. Hier war der Instinkt des Individnums wahnsinnig aufgestachelt, es wurde ihm nicht eine Teilung mit andern zugemutet, es wurde ihm der Blick eröffnet auf eine schrankenlose Besitzergreifung des Alls durch den Einzelnen. Und darum kochte die Massenseele, ohne recht zu wissen warum. Und darum wird sie kaum warm werden, wenn einer die Menschheit von der Herrschaft aller Bazillen befreit.“

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    Katalognummer BW-AK-015-3452