„Aha, Herr Grimmberger, jetzt ist es aus mit dem Krammetsvögelschleckern, vom nächsten November ab werden Sie wieder Pellkartofseln statt grives sur canapé essen müssen.“
„Haben Sie sonst noch Schmerzen!“ biß Grimmberger sarkastisch zurück. „Erstens wissen Sie, daß ich mir nichts aus Krammetsvögeln mache, zumal wenn ich sie mit Haut und Knochen bis auf die Schnabelspitze ausschließlich aufknuspern soll. Dazu ist mir mein Blinddarm viel zu lieb. Zweitens kann ich mir auch unter dem neuen Vogelschutzgesetz Krammetsvögel verschaffen, so viel ich will, wenn es sein muß sogar in Trier. Sonst gehe ich nach Bras oder Wollmeringen, irgendwohin an die belgische oder französische Grenze und kaufe mir dort die Krammetsvögel ....“
„Aha, also doch!“
„.... die ich meinen Freundinnen und Freunden zu schenken die Gepflogenheit habe.“
„Und Sie glauben, daß das geht?“
„Warten Sie ab.“
„Gerne.“
„Gut, es soll mir auf ein paar Dutzend nicht ankommen. Ich ärgere mich nicht über unser neues Gesetz, im Gegenteil, aber ich ärgere mich darüber, daß die Nachbarn uns auslachen und uns unsern Anteil an den leckern Zugvögeln vor der Nase wegfangen werden. Der Mensch ist nicht anders. Er lacht über sich selbst, wenn er vernünftig ist, aber er verträgt es nicht, daß andere über ihn lachen.“
„Herr Ludovicy hat über den Vogelschutz soviel Beherzigenswertes gesagt, daß man das bißchen gekränkte Eitelkeit mit in den Kauf nehmen kann.„
„O ja, er hatte vollkommen recht. Er sagte: Die Natur gleich von selbst das Zuviel und Zuwenig aus. Sollte man es da also nicht darauf ankommen lassen, daß sie für Ausgleich sorgt, wenn einmal eine Unterbilanz an Vögeln sich herausstellt?“
„Schon. Aber wenn der Mensch den letzten Krammetsvogel gefangen hat, und damit den letzten Buchfinken und die letzte Meise und das letzte Rotkehlchen, dann ist es mit dem Ausgleich definitiv Essig.“
„Sie scheinen zu vergessen, daß der Mensch nach des Schöpfers Willen der Herr der Schöpfung ist. Das heißt nach meiner Auffassung, daß er sozusagen am obersten Ende der Tafel sitzt, daß die Bedienung bei ihm anfängt. Er frißt von oben herunter auf, was ihm dazu dienlich scheint, Kraut und Rüben und Speck und Fleisch und Fisch und Geflügel. So fressen alle andern nach unten, die Katze den Spatz, der Spatz die Fliege, die Fliege Gott weiß was und Gott weiß was vielleicht die Bazillen ....“
„Und die Bazillen fressen im Kreis herum wieder den Menschen auf ....“
„Hat er gar nicht nötig, das besorgt er von selbst. Sie erzählten mir einmal von einem merkwürdigen Plakat, das Sie während des Krieges irgendwo in Belgien oder Frankreich an einer Mauer gesehen hatten ....“
„Ach ja, ich entsinne mich genau. Es war am Tage nach der Schlacht ....“
„Dem Schlachten, wollen Sie sagen.“
„Also dem Schlachten von Ethe. Wir waren zur Hilfeleistung an die Zivilbevölkerung hingefahren und kamen über Virton zurück. Es roch nach Blut, die Verwundeten brüllten aus den Fenstern, die Toten lagen in den Gräben, auf den Äckern, über zertrümmerten Geschützlafetten, und als wir nach Virton kamen, sahen wir an einer Gartenmauer das große Plakat: „Soyez bons pour les animaux!“
„Da haben Sie’s! Die Krammetsvögel werden sich einen Ast lachen, wenn sie hören, daß wir sie schützen wollen, und daß die Großen der Erde schon das Jahr bestimmen, in dem wir selbst uns wieder millionenweise gegenseitig totschlagen werden!“