Sie haben Europa Lindbergh geschickt, Europa hat ihnen Miß Luxemburg geschickt.
Er hat den Ozean auf einem Eindecker überflogen, sie hat einen noch viel schwierigeren Flug vollführt. Sie hat alle ihre europäischen Schönheitskonkurrentinnen und sogar alle amerikanischen bis auf eine überflogen, hauptsächlich auf den paar Quadratzoll Gewebe, aus dem ein Badeanzug gefertigt ist.
Maurice de Waleffe erzählt in der „Dernière Heure“, wie Miß Luxemburg auf Anregung aus den Kreisen ihrer Landsleute in Paris von der dortigen Jury für die Beteiligung an dem Schönheitswettbewerb in Galveston (Texas) bezeichnet worden war, wie sie, um es in der hergebrachten Formel zu sagen, nichts anzuziehen hatte, nicht einmal seidene Strümpfe, wie sie drüben bei dem Teil der Prüfung, der im Badeanzug zu bestehen war, sich irgendein Trikot leihen mußte, und wie sie trotzdem über alle Konkurrentinnen hinweg gleich hinter Miß New York den zweiten Preis als Weltschönheit errang.
Man hört noch immer nicht, daß ihre Vaterstadt Differdingen sich zu einem feierlichen Empfang bei ihrer Rückkehr rüste. Denn Miß Luxemburg, die endlich in der Weltliteratur über unser Ländchen den Operettengrafen leichtsinnigen Andenkens abzulösen berufen ist, sie sei aus Differdingen, behaupten sie, und gehöre zu dem stehenden Heer von Huldinnen der Folies Bergères in Paris. Sie wird also doch wohl „etwas anzuziehen“ gehabt haben.
Vielleicht kommt Maurice de Waleffe, der Spezialist in Toilettefragen und Frauenschönheit, auf den Einfall, einmal eine Männerschönheitskonkurrenz vorzuschlagen.
Eines der Zeichen dafür, daß der Mann in der Welt noch immer nicht die Führung an die Frau abgegeben hat, besteht offenbar darin, daß bis jetzt nur von Männern Schönheitswettbewerbe nur für Frauen veranstaltet wurden, daß also die Frau immer in dem, was für sie im Verhältnis zum Mann wesentlich, einige behaupten sogar allein wesentlich ist, seinem Urteil untersteht. Daß es mithin seit den sagenhaften Zeiten des Paris und der drei Damen, die am Schönheitswettbewerb um den Eris-Apfel teilnahmen, noch nicht anders geworden ist.
Das heißt, es ist wohl nie versucht worden, eine Änderung herbeizuführen. Wenigstens nicht mit dem nötigen Tamtam. Es wäre so einfach. Sieben Damen tun sich in Washington oder Arizona zusammen und schreiben eine männliche Schönheits-Weltkonkurrenz aus. Sie bilden die Jury, stellen die Prüfungsordnung auf nach Punkten und Nummern, derart daß die Wertung im Hinblick auf das erfolgt, was wie bei der Frau für den Mann, beim Mann für die Frau wesentlich ist, die Schönheit als ein Ganzes aus körperlichen Vorzügen, die als Spiegel seelischer Reize gelten, ohne daß ihnen diese notwendig zu entsprechen brauchen. Eine Frau mit großen treuen Augen kann eine falsche Schlange, ein Mann mit dem scheinbar intelligentesten Gesicht ein Kamel sein. Grade Beine heißen schön, weil sie einem Gesetz der Ästhetik und der Mechanik entsprechen, dem Gesetz der Einfachheit in der Zweckmäßigkeit, der Ökonomie des Kräfteaufwandes. Dabei kann ihre Besitzerin innerlich plump und schwerfällig sein, wie ein Gänseliesel.
Warum soll die Frau nicht dazu kommen, daß sie den Mann einmal öffentlich aus denselben eugenischen Gesichtspunkten werten will, wie er es der Frau gegenüber zu tun sich vermißt?
Wohlgeboren und hochwohlgeboren waren Titel, die sich zu bedeutungs- und wertlosen Blechmarken abgeschliffen haben. Und doch hießen sie ursprünglich, daß einer wohl geboren, als körperlich und geistig reich ausgestattetes Individuum schon zur Welt gekommen war.
Wenn wir dauernd für Schönheit etwas tun wollen, müssen wir es für Wohlgeborenheit tun.
Und damit wären wir von der Miß Luxemburg auf dem Umweg über Altgriechenland an die Pforten der Anstalt gelangt, die Herr Dr. Camille Rischard im Pfaffental mit ebensoviel Hingabe, wie Erfolg seit Jahren leitet.
Davon ein andermal.