Wir beginnen allmählich, in der Welt mitzuzählen.
Zu den Anzeichen dafür, die sich in der letzten Zeit gehäuft haben, gehört es, daß zu dem FrühlingsTennis-Turnier auf den Courts der Schützengesellschaft im Kreuzgründchen die Nennungen von auswärts alle Erwartungen weit überstiegen, derart, daß die Organisatoren bis in die Nächte hinein arbeiten mußten, um die Arbeit zu bewältigen.
Am 4., 5. und 6. Juni - lasen wir in den Zeitungen - wird wegen des Tennis-Turniers im Kreuzgründchen nicht geschossen. Die Kugeln, die dann fliegen, sind von keinem Knall begleitet, die Kraft des Pulvers ist durch die der Muskeln ersetzt. Alles ist weniger gewaltsam, weniger unheimlich, graziöser. Beim Tennis ist etwas Einzigartiges erreicht. Dieses idealste aller Freiluftsportspiele ist so aufregend, wie ein Boxerkampf, ohne dessen Brutalität. Die Kämpfer schlagen aufeinander los, spannen gegeneinander alle Nerven und Muskeln bis zum äußersten an, belauern, beschleichen, überfallen einander, aber alles à distance. Alle Härte ist durch die Entfernung gedämpft, aufgelöst, geadelt durch die Eleganz der unbeschwerten, unzerstörten Gebärde. Bei keinem Sport durchdringen sich Kraft und Anmut gegenseitig so eng, bei keinem ist der Ablauf der Bewegungen so reizvoll, so abwechlungsreich und bei aller Harmonie so überraschend.
Darum ist es eine Sünde an den Tennisspielern, sie zu photographieren. Ich möchte um Gottes willen unserer sympathischen Kollegin, der „Luxemburger Illustrierten“, den Boden nicht unter den Füßen abgrasen. Sie wird zweifelsohne vorzügliche Aufnahmen von den aufregendsten Momenten des Turniers bringen, aber die Wahrheit muß gesagt werden: Eine Tennisspielerin oder ein Tennisspieler dürfte nur gefilmt, niemals durch einfache Photographie mitten in einer Bewegung sozusagen eingeweckt, in erstarrtem Zustand festgehalten werden. Denn die Bewegungen sind so, daß sich die Fortsetzung nicht von selbst ergibt, sie sind wie Akkorde, die sich nicht nach gewohntem Schema auflösen. Suzanne Lenglen sieht auf vielen Photos grotesk aus, weil sie mitten in einem Luftsprung aufgenommen ist, auf den sich der Beschauer keinen Vers machen kann. Tennis ist schön als Linie, man sollte es darum nicht als Punkt behandeln.
Wer sich die Frage stellt, woraus denn eigentlich die seltsame Schönheit der Tennisspielbewegungen besteht, wird darauf kommen, daß ein großer Bestandteil dieser Schönheit weiter nichts ist, als Rückkehr zur Natur.
Wir sehen da mitten in einer Kultur, die aus dem Fuß den Schuh gemacht hat, auf einmal wieder natürliche Füße in natürlicher Bewegung. Kein Absatz, kein Step. Füße in einer Bekleidung, die sich der Naturform anschmiegt, Bewegungen, die in ihrer Schnellkraft und Plötzlichkeit alle Möglichkeiten erschöpfen. Das hurtige Spiel der Muskeln und Sehnen, dieses Wunder aus Anatomie, Anmut, Kraft und Zweckmäßigkeit, die Harmonie im Sturz der Erscheinungen - um wieviel schöner ist das alles, als die Mode, die aus dem schönsten Frauenfuß einen Gegenstand fürs Schaufenster macht, ihm jede Natürlichkeit nimmt, ihn überbetont unter dem Vorwand, ihn kleiner zu machen, und eine seiner rührendsten Schönheiten, die Feinheit der Fersensehne, verständnislos zusammenstaucht.
Jedes Tennisturnier sollte nebenbei als Propaganda für die Rückkehr zum absatzlosen Schuh ausgenützt werden. Jedenfalls so lange noch der kurze Rock die Herrschaft hat, denn zu ihm gehört der natürliche Fuß.
Und damit sei auch in diesem Betracht dem TennisTurnier im Kreuzgründchen zu seinem Erfolg von gestern ein stetig wachsender Erfolg auch für heute und morgen gewünscht.