Es war alles da. Von der Parterre-Akrobatik bis zur halsbrechenden Equilibristik hoch in den Lüften, vom Clown bis zur Ballerina, von der eigenen Hausbeleuchtungsanlage bis zum fahrenden Hotel, das die Truppe beherbergte.
Im Lauf des Tages waren auf dem freien Dorfplatz die Sitze im Kreis aufgeschlagen worden, die ortsansässige Jugend sah staunend und vielseitig angeregt, wie eins nach dem andern aus dem Boden wuchs, das Gertist mit den Ringen, die balancierende Leiter, die von zwei Seitenpfosten getragene Rampe, von der ein Gummirohr zu dem Karbidgasgenerator ging - Wunder über Wunder. Alle Bubenherzen schlugen in glühender Erwartung des Abends. Kein Flieger hat in Paris und Brüssel und London dieser Tage den großen Lindbergh mit mehr Bewunderung und mehr dunkelm Drang zum Gleichtun betrachtet, wie die Dorfbuben ihre Altersgenossen aus dem „Komödiswagen“, von denen die Sage ging, sie werden am Abend das Publikum durch ihre halsbrechenden Künste und ihren Wagemut verblüffen.
Fanfarenklänge verkündeten nach Eintritt der Dunkelheit den Beginn der Vorstellung. In solchem Wanderzirkus ist das Gesetz von der Teilung der Arbeit ad absurdum geführt und ins Gegenteil verkehrt. Sie teilen sich nicht in die Arbeit, sondern jeder verrichtet jedes. Der Herr Direktor, der die Reden ans Volk hält, der als starker Mann, als Grundveste der Pyramiden, als Parterre-Akrobat, zur Not als Clown in Zivil auftritt, er sitzt und bläst mit im Orchester und er fungiert als Beleuchtungsinspektor und als Oberkassierer, als Regisseur und als alles, wofür Bedarf ist. Er ist nicht nur die Seele, er ist ein gut Stück vom Körper des Ganzen, dessen Vater er ist, denn alle Künstler und Künstlerinnen sind seine Kinder, und alle wirken mit und jedes hat seinen Moment, wo es kußhändchenwerfend auf den Teppich springt und seinem Namen Ehre macht.
Die Leute waren begeistert, stolz, beifallsfreudig. Sie sagten, mit solchen Leistungen könne man sich dreist in Brüssel und Paris zeigen.
Die Karbidflammen zischten, der Generator machte durch unanständiges Benehmen von sich reden, ein alter Schuster der Nachbarschaft, der sich als Gönner des Unternehmens gerierte, gab dem Herrn Direktor Anlaß zu großer Beunruhigung, weil er sich beflissen am Gaswerk zu schaffen machte und davon offenbar gar nichts verstand. Trotzdem der Herr Direktor die kleinen Hemmungen davon herleitete, daß das Karbid nichts tauge, hielt sich der Apparat wacker bis zum Schluß und übergoß die jugendlichen Reize der Balleteusen mit zauberischem Schein.
Es war ein nicht alltägliches Erlebnis, unter freiem Nachthimmel bei zischenden Karbidgasflämmchen und einer dem Nullpunkt nicht allzufernen Temperatur in Gesellschaft verwöhnter Städter und leicht überwältigter Dorfleute zu sitzen und die Mitglieder einer Familie ein komplettes Zirkusprogramm, nur ohne die Pferde, herunterspielen zu sehen. Zur Zeit des Romantismus und des Naturalismus hätte sich daraus ganz von selbst ein handlungsreicher Roman spinnen lassen, ja, ein Romanzyklus, in dem die Schicksale aller Mädchen und Knaben der Truppe durch mehrere Geschlechterreihen durchflektiert werden konnten. Zum Beispiel so: Ein abenteuerlich veranlagter Bauernbursch verliebt sich in eine der Akrobatinnen oder Tänzerinnen und reist der Truppe nach, Wut des Vaters, stilles Leid der Mutter - mindestens drei Kapitel.
Die obern Zehntausend der Literatur und des literaturverständigen Publikums mögen noch so kategorisch die Abgestorbenheit des Romantismus dekretieren, er lebt in Hunderttausenden fort. Nur schade, daß die keine Bücher lesen, sonst müßten sich die Verleger nach ihnen richten.