Wir näherten uns dem Schlachtfeld.
An der Straße hatte bis vor fünf Tagen ein üppiges Kornfeld geprangt. Jetzt war es ein zerzaustes, struppiges Ding von geknickten, fahl grünen Strohhalmen, aus dem ein paar aufrechte, ährengekrönte Halme emporstanden. Man konnte sie zählen. Es waren siebenundzwanzig auf dem ganzen Acker.
Nicht, daß der Sturm das Feld in einem wütenden Angriff miteinander wie einen Schwaden umgelegt hätte. Darin ist immer noch eine gewisse Regelmäßigkeit, Ästhetik, Schönheit in der Ruhe, ein Eindruck friedlichen Hinübergeschlummertfeins. Hier waren Hunderttausende aufrechter, brotverheißender Halme, die in den Sielen vom Granathagel geknickt wurden, durcheinander gebeutelt und gezaust, stillos, wüst, mißtönig. Es war brutaler, häßlicher, zweckloser Mord, Mord um des Mordens willen, ohne Dämonie, ohne die Majestät, die auch dem Mord eigen sein kann, wenn er sich als etwas Gewaltiges gibt. Häßliches ist nie majestätisch. Das war nur häßlich.
„Und dort hinaus!“ sagte der Autobuschaufseur, neben dem ich Platz gefunden hatte.
Dort hinaus lag der Prümer Berg, eine der besten Gemarkungen unserer Mosel.
Bis vor fünf Tagen hatte er grün und immer grüner geschimmert. An den Mittagen, wenn sich am Dorfausgang die Nachbarn zusammen fanden und den Fuß auf die niedrige Randmauer, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn auf die geballte Faust gestützt der Verdauung ihres Mittagessens oblagen, dann breitete sich der Prümer Berg weit drunten vor ihnen aus und sagte, wie brav er wieder gewesen war, wie er ihre unsäglichen Mühen mit folgsamem Wachstum lohnte, wie er fleißig Blätter trieb, damit die zarten Träubchen gediehen - es werde vielleicht nicht arg viele geben, aber wenn die wenigen schön ausreiften, so gäbe es einen Qualitätstropfen, wie ihn immer mehr Leute zu schätzen wissen, und dann hätte man von seiner schmählichen Arbeit wenigstens soviel Verdienst, daß man nicht in die Minette schaffen zu gehen bräuchte.
Da kam das schwarze und schwefelgelbe Gewölk über die Berge und Wälder und schüttete zehn Minuten lang das gefrorene Unheil aus. Und der Prümer Berg hat aufgehört, grün zu schimmern, er liegt im trüben Nachmittag braun geschunden, in der Farbe des Bodens - sie zeigen mir einen Weinbergspsahl, dessen grau verwitterte Windfläche hell betupft ist von oben bis unten vom Anschlag der Hagelschlossen.
Und über allem Elend steht mit trotzigem Ingrimm die Siegerin Arbeit und beißt die Zähne zusammen und sagt: Durch!
Mit den schweren Schritten, die von der Last der Schollen künden, und doch elastisch gehen sie vorbei, giftgrün besprüht von der Kupfervitriolbrühe, braun gebrannt von der spärlichen Sonne dieses mißratenen Frühlings, ein Wort milden Humors oder spassiger Wehklage auf den Lippen, ungebrochen, bereit und gewohnt zu arbeiten, daß die Schwarte kracht, zu arbeiten für eine Ernte, von der sie wissen, daß sie nicht kommen wird.
Viele, hoffentlich die meisten, werden durchhalten.
Aber es gibt die, die auf den Ertrag ihrer paar kleinen Weinberge angewiesen sind. Für die sind die 3000-4000 Francs, die ihnen der Herbst versprach, das Floß, auf dem sie sich über Wasser halten konnten. Und das sind die, die nur am dünnen, aber zähen Band ihres Glaubens an den Boden an der Heimat hängen. Auf sie lauert die Kupplerin Landflucht.
Es liegt eine empörende Tragik darin, daß durch den Stumpfsinn eines Naturereignisses ganze Familien von der Scholle losgerissen und in den Wirbel des auswärtigen, losen Erwerbs gezogen werden sollen, wenn ihnen nicht wirksame Hilfe geboten wird. Was hälfe es diesen, daß ihnen die Steuern nachgelassen, das bißchen Kupfervitriol für ihre paar Ar Weinberg gratis geliefert würden? Dem Wohlhabenden ist damit ein Geschenk von Tausenden gemacht, dem Tagelöhner macht es vielleicht 80-100 Francs aus.
Es liegt eine empörende Tragik darin, daß über zwanzig, dreißig Jahre irgendwo ein alter Arbeiter zwischen Fabrikschloten umhergehen und traurig erzählen soll: Ich habe im Jahre 1927 mein Häuschen, meinen Garten, meinen Weinberg verkloppen und in die Fremde ziehen müssen, weil ich nach dem Hagelwetter vom 2. Juni die paar Tausend Francs nicht hatte, die ich vom Herbst erhofft hatte, und die ich brauchte, um über die schwere Zeit hinwegzukommen, - die ich nicht geschenkt brauchte, nur als zinsloses Darlehen meinetwegen. Dann wäre ich noch heute daheim und meine Kinder wären daheim und hätten sich in ihrer Heimat heraufgearbeitet.
Der Verein „Landwuel“ hat in Redingen ein schönes Fest gefeiert. Hier hätte er ein Feld, sich praktisch zu betätigen. Stellen wir einmal das Problem so: Auf dem betroffenen Landstrich sind vielleicht hundert, vielleicht viel weniger, vielleicht mehr, die der Hagelsturm vom vorigen Donnerstag von der Scholle losgerissen haben kann.
Mit 300 000-400 000 Francs ließe es sich vermeiden, daß Hunderte von Menschen zur Landflucht gezwungen werden.
Bitte, meine Herren, suchen Sie dieser Rechnung eine Lösung und Sie haben im Sinn Ihrer Bestrebungen Großes vollbracht.