Original

11. Juni 1927

An den Herrn Sankt Medardus,Ober-Rieselwagenführer im Himmel.Sehr geehrter Herr!

Sie standen am Mittwoch, 9. Mai, im Kalender.

Sie wissen, was das bedeutet: Saint Médard, grand pleurard - Pleure quarante jours plus tard.

Am Mittwoch regnete es. Was sollen wir nun davon halten? Wir möchten aus allerhand Gründen wissen, wie Sie sich zu dem Renommee stellen, das Ihnen die alte Bauernregel andichtet. Liegt es ernstlich in Ihrer Absicht, uns nun den Rest der vierzig Tage hindurch konsequent zu beträufeln? Könnten Sie es nicht kürzer machen und Ihre Tätigkeit etwas zusammenfassen? Etwa so, wie es der Herr Kammerpräsident manchmal den Nednern anempfiehlt? Diese richten sich freilich nicht darnach, weil sie meist keine Zeit haben, sich kurz zu fassen. Aber wenn Sie wirklich Ihr Rieselfaß so voll haben, so könnte es Ihnen doch egal sein, ob Sie es in acht Tagen oder in fünf Wochen leer laufen lassen.

Ich bin nicht befugt, Ihnen Vorschläge zu machen, aber ich meine, niemand hätte das Mindeste dagegen, daß Sie Ihr Pensum in aller Kürze erledigten und dann der Sonne wieder den Vortritt ließen.

Legen Sie doch, bitte, beim Wetterdezernenten ein Wort für uns ein. Machen Sie ihm klar, wie stiefmütterlich er uns bisher behandelt hat. Kälte, Sturm und Hagelschlag waren während des ganzen lieblichen Frühlings an der Tages- und Nachtordnung. Stellen Sie dem Herrn u. a. vor, daß wir seit sechs Jahren keinen ordentlichen Tropfen mehr geerntet haben. Wenn der alte Noah sähe, wie Sie bei uns das Gottesgeschenk Rebe seit 1921 behandeln und stellenweise mißhandeln, er würde sich im Grabe herumdrehen. Wir gönnen Ihnen gerne, daß Sie sich an Nektar und Ambrosia nach Herzenslust ergötzen, aber nehmen Sie auch ein bißchen Rücksicht auf uns arme Erdenwürmer!

Wenn die Sonne ernstlich will, kann sie noch alles gut machen. Wenn Sie, sehr geehrter Herr Sankt Medardus, Ihren Segen absolut nicht einhalten können, ginge es dann nicht, daß Sie ihn uns in der Zeit von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang bescherten? Oder sind Sie, wie die Orchester- und Gesangsvereinsdirigenten, die den Hauptwert darauf legen, daß man sie auch fieht?

Am Ende, das sehe ich kommen, wenden Sie ein, wir Menschen seien selbst an dem verpfuschten Wetterjahr schuld. Sie behaupten vielleicht, seit wir uns der Herrschaft der Luft bemächtigt haben, durchkreuzen wir beständig Ihre meteorologischen Dispositionen. Wenn anhaltend ein Nungesser, ein Lindbergh, ein Chamberlin die Atmosphäre durcheinanderwirbele, sei es unmöglich, geordnete Wetterverhältnisse aufrecht zu erhalten.

Ich glaube, da übertreiben Sie.

Wie dem auch sei, ich bin überzeugt, im Namen eines weiten Umkreises von Mitmenschen zu reden, wenn ich Sie, als einen der Hauptwettermacher, hiermit inständigst birte, nach dem Rechten zu sehen. Es kann Ihnen doch nicht egal sein, wie hier unten die Leute über Sie denken, und daß man Sie jeden Augenblick quer in den Mund nimmt.

Also machen Sie es gnädig, es soll Ihr Schade nicht sein.

Genehmigen Sie, sehr geehrter Herr Medardus, mit dem Ausdruck verbindlichsten Dankes im voraus den der vollkommensten Hochachtung Ihres sehr ergebenen

(Unterschrift unleserlich.)

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    Katalognummer BW-AK-015-3464