Ich konnte mir nicht helfen, eine Hühnerhaut überlief mich, als ich in der letzten Nummer der Hamburger Illustrierten ein Bild sah mit der Unterschrift: „Wie der künftige Geländekrieg aussieht.“ Das Bild stellte einen Tank vor, der durch dick und dünn sich im Gebüsch vorwärts arbeitet, Es ist während einer Übung englischer Truppen in der Nähe von Aldershot aufgenommen.
Also es gibt tatsächlich noch Menschen, die einen künftigen Krieg - nicht nur für möglich halten, sondern als sicheren Faktor in Rechnung stellen.
Ich meine nicht das englische Kriegsministerium und den englischen Generalstab; die sind, wie alle Kriegsministerien und alle Generalstäbe der Welt, vollkommen in ihrer Rolle, wenn sie tun, als gehöre der Krieg mit in die Organisation des Kosmos. Man kann ihnen nicht übel nehmen, daß sie so die Fiktion ihrer Daseinsberechtigung allzeit aufrecht zu halten bestrebt sind.
Aber daß es andere Menschen gibt, die für dieselbe Fiktion Propaganda machen, sei es auch nur durch Verbreitung von Bildern nebst Unterschrift, die den Glauben an die Unvermeidlichkeit des Krieges bei den Massen nähren und daraus einen Fatalismus machen, gegen den die Götter selbst vergebens kämpfen, das bräuchte nicht zu sein.
Daß es dennoch ist, sollte alle Vernünftigen anspornen zu einer verbissenen Gegenpropaganda.
Die italienische Malerin Benedetta, die auch futuristische Schriftstellerin ist, hatte einen überraschenden Einfall, wie am besten der Kriegskoller zu hellen wäre. Der Futuristenführer Marinetti berichtete darüber kürzlich in den Blättern.
Die Benedetta schlägt vor, man soll es im Krieg umgekehrt machen, wie bisher. Bisher wurden alle Kriege, wenigstens in ihrem Ursprung, von den Alten und Höchstgestellten ausgeheckt und angezettelt, aber die Jüngsten und Ranguntersten wurden zuerst vorgeschickt, um sich gegenseitig die Köpfe abzureißen. Inzwischen saßen die Schuldigen hinter allerhand Tischen, grünen und weißen, studierten Akten und Karten oder tranken Richebourg und Cliquot und aßen Kaviar dazu, und wenn es brenzlich wurde, gingen sie in Pension oder auf ihre Güter, oder nach Holland.
Besah man sich nachher den Schaden, so war man entsetzt. Die Blüte der Mannheit lag in Massengräbern unter der Erde, und die Alten, die Unnützen, taten, als seien sie es nicht gewesen.
Nun malen Sie sich einmal bitte den Krieg anders herum aus.
Die Kannegießer über fünfzig, die sonst beim Humpen die Schlachten schlugen, die Generalfeldmarschälle, die aus sicherem Quartier über den Draht Tausende und Hunderttausende vor die Hunde schickten, die kämen jetzt zuerst an den Reigen. Was wetten, es dauerte nicht lang, so hätten sie eine Verständigungsbasis gefunden.
Der Futuristenführer Marinetti faßt es freilich anders auf. Er macht auch für diesen a posteriori- Krieg Propaganda und predigt das Heldentum der Sechzigjährigen. „Den Alten würde die Möglichkeit geboten, eines nützlichen und glorreichen Todes zu sterben, statt im Bett ein trauriges Ende zu finden. Den glorreichen Kriegern vom Karst und Piave würde es ermöglicht, sich ein zweites Mal für Italien zu schlagen. Die jungen Jahrgänge wären eine wertvolle Reserve für den Endkampf.“
Nach einer andern, menschlicheren Richtung sieht Marinetti folgenden Vorteil in dem neuen Verfahren: „Auch das Eifersuchtsproblem wäre mit einem gelöst, das Problem der Jungen, die an der Front stehen, und ihrer von den vierzig- und fünfzigjährigen Heimkriegern belagerten Frauen. Dem Vaterland würden viel mehr Söhne geboren.“
Aber wozu denn, Herr Marinetti, wenn sie ja doch nachher totgeschossen werden sollen?