Original

14. Juni 1927

Unter dem Titel „Ein Beispiel für Europa“ veröffentlicht ein amerikanisches Provinzblatt, der „Murray County Herald“, eine Mahnung, die hier im Anschluß an mehrere kürzlich gefallene Äußerungen einen Platz finden möge.

Sie wird mehr Eindruck machen, als wenn sie von einem Europäer ausginge. Wenn eine Firma gute Geschäfte macht, ist man ihrem Besitzer dankbar für gute Ratschläge, wie man es ihm am besten gleichtun könnte.

Also der amerikanische Kollege schreibt:

„Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein deutlicher Beweis dafür, daß 48 verschiedene, örtlich getrennte Regierungen, die mit lokal bedingten Problemen und Verhältnissen zu tun haben, erfolgreich unter einer starken Führerhand zusammen arbeiten können, wenn es sich um Dinge handelt, die die nationale oder internationale Wohlfahrt der 48 Lokaleinheiten betreffen.

Haß, Eifersucht, Neid, Gier nach dem Gebiet eines Nachbarstaates bestehen nicht in den Vereinigten Staaten.

Das amerikanische Volk treibt auch Politik, und treibt sie scharf, aber wenn seine Einzelinteressen sich gegenüberstehen, so hat es gelernt, die Beilegung den Gerichten oder der Bundesregierung zu überlassen.

Wenn unser Volk eine glückliche Lösung des Problems gefunden hat, wie 48 verschiedene Staaten unter einen nationalen Hut zu bringen sind, indem die Interessen der Allgemeinheit kollektiv gewahrt werden, warum sollte es den europäischen Nationen nicht gelingen, unser Vorbild nachzuahmen?

Es ist freilich komplizierter, die Angelegenheiten mehrerer verschiedener Rassen harmonisch auszugleichen, aber im Grunde ist die Aufgabe nicht verschieden von der, die darin bestand, die vielen mit den Rechten der einzelnen Staaten zusammenhängenden Fragen unter der Zentralregierung zur Lösung zu stellen. Unsere 48 Staaten, die Provinzen von Kanada, die Zentralregierung von Kanada und die Vereinigten Staaten leben Seite an Seite, und kein Gedanke an Sieg, Eroberung, Eifersucht oder Haß kommt zwischen Angehörigen dieser Nationen oder ihren Staaten auf.

Europa und die übrige Welt haben da ein Vorbild, das sie nachahmen können, wenn es ihr Wunsch ist. Die Tatsache, daß ihre Probleme in diesen Tagen verwickelter und schwieriger sind, sollte sie mehr als je dazu bestimmen, sich unter einer zentralen Organisation zusammenzuschließen, die die Befugnis hätte, lokale Konflikte zu lösen und beizulegen, grade wie wir es in Amerika tun.“

Die Sache wäre vielleicht einfacher, als es der amerikanische Kollege meint, aber sie hat einen Haken. Sie hat einen Haken nicht nur für Europa, sondern auch für Amerika.

Die Welt wird mit jedem Tag kleiner. Sie wird bald so klein sein, daß den Amerikanern ihre Vereinigten Staaten, die heute immerhin einen anständigen Fleck auf dem Erdglobus ausmachen, so klein vorkommen werden, wie heute einem Franzosen Frankreich, einem Deutschen Deutschland, einem Italiener Italien. Noch viel kleiner, denn sie sind an größere Maßstäbe gewohnt.

Dann werden sie sehen, daß die Gewähr für Erhaltung des Friedens zwischen ihren 48 Staaten dem Rest der Welt gegenüber doch wenig mehr in die Wagschale fällt. Und wenn sie von der Vorzüglichkeit ihres Systems überzeugt sind, müssen sie es nicht nur als Exportware den Europäern anempfehlen, sondern es dermaßen erweitern, daß sie in den Vereinigten Staaten der Erde etwa so ein Teil wären, wie der Staat New York heute in der amerikanischen Union. Sie müßten bei den Japanern anfangen und sagen: Wollen wir nicht, Sie, Ihr chinesischer Nachbar, der Russe, der Deutsche, der Franzose, der Engländer u. s. w. u. s. w. eine Weltunion bilden, in der jeder seine heimischen Angelegenheiten erledigt, wie er es für gut findet, und in der die allgemeinen Interessen von einer übernationalen Zentralregierung wahrgenommen werden?

Und dann wird der Spanier sagen: Warum sind Sie nicht einige Jahrzehnte früher auf diesen herrlichen Einfall gekommen?

Das verhindert indes nicht, daß Europa einmal den Versuch machte.

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    Katalognummer BW-AK-015-3466