Original

15. Juni 1927

An jenem Sonntagvormittag sahen die Luxemburger durch die Straßen und Gäßchen - zumal Gäßchen - ihrer Hauptstadt einen Trupp Männer wandern, die von Zeit zu Zeit stehen blieben, an den Häusern hinauf schauten und sich um einen gruppierten, der mit dem Spazierstock umherzeigte und ihnen angeregt etwas erzählte, worüber sie staunten, oder lachten, oder nachdenklich wurden, worauf sie dann weiter gingen, um wieder bei einem Haus oder an einem Aussichtspunkt oder in einem alten Hof stehen zu bleiben und aufmerksam ihrem Führer wieder zuzuhören.

Das waren die Mitglieder des luxemburger Journalistenvereins mit Kollegen aus Rheinland-Westfalen, denen Herr Geschichtsprofessor Dr. Medinger die Stadt zeigte.

Du, lieber Leser, bist vielleicht in der Stadt geboren, möglicherweise sogar auf dem Fischmarkt, was bekanntlich den Höhepunkt des Inderstadtgeborenseins darstellt.

Du hältst Dich demgemäß für berechtigt, die Nase zu rümpfen, wenn einer zu Dir käme und den Anspruch erhöbe, Dir die Stadt zeigen zu wollen.

„Mein Herr!“ würdest Du tönen, „mein Herr! Sehen Sie mich an! Sehe ich aus, wie einer, dem man erst die Stadt zeigen muß, meine Stadt, in deren Herzen ich geboren bin!“

Nun, lieber Leser, ich wette, wenn Du damals dabei gewesen wärest, wie wir von Herrn Professor Dr. Medinger von der Kaserne über Corniche und Fischmarkt bis Wilhelmsplatz geführt wurden, so wärest Du zur Überzeugung gekommen, daß Du bisher Deine Vaterstadt bestenfalls nur unvollkommen gekannt hattest.

Habent sua fata domus, auch Häuser haben ihre Schicksale. Wenn wir in Luxemburg auch kein Goethehaus haben, das wirklich eines ist, so haben wir viele andere Häuser, die merkwürdige Geschichten zu erzählen wissen. Geh. mit Herrn Professor Medinger durch die Straßen, wie wir damals: Er schlägt mit seinem Spazierstock an eine Mauer, an eine Haustüre, wie Moses mit seinem Stab an den Felsen, und heraus quillt der Born der Geschichte - und der Geschichten. Denn was ist Geschichte ohne Geschichten? Ein Feld ohne Halme, ein Wasser ohne Wellen.

Herr Medinger hat uns gezeigt, wie man aus der Geschichte ein Fach macht, für das man sich begeistern kann, wie für den hinnehmendsten Sport. Er weiß, wie man es macht, die Mumie Geschichte zum Leben zu erwecken, sie zum reden, zum lachen und weinen zu bringen, wie man Tote aus den Gräbern beschwört, daß sie Häuser und Straßen bevölkern. Und plötzlich kommt ein wütender Mohr vom Wald die Treppe herunter in seinen Garten gestürmt und wird bei Fackelschein von einem österreichischen Fiskuslöwen totgeschossen - oder der Schwerenöter Ernst Mansfeld kommt dazu, wie sie sich vor dem Schloß, unter dem Balkon, der noch im Hof des Hauses Cary zu sehen ist, die Hälse abschneiden wollen, und wie sie ihn um die Mitte fassen und festhalten, damit er nicht mit dreinschlagen kann, - wir schließen die Augen und hören die beschwörende Rede des stillen Gelehrten, der da ist wie einer, der zwischen zwei Kulturepochen die Tore öffnet, damit aus jener die Luft zu dieser herüberweht.

Herr August Collart sprach kürzlich in der Kammer von einer Art Ehrenpflicht, die das Land hat, das von Prosper Müllendorff begonnene Werk der Auferweckung unsrer vaterländischen Geschichte seit unsrer Selbständigkeitserklärung im Jahre 1815 zu vollenden.

Immer wieder muß daran erinnert werden, daß der erste Band dieser Geschichte tatsächlich vorliegt, daß er eine unentbehrliche Fundgrube für Tatsachen, psychologische und historische Zusammenhänge bildet, und daß wir uns schämen müßten, wenn eine solche Arbeit unvollendet bliebe.

Die Art, wie Herr Medinger die Vergangenheit auf jenem Rundgang belebte, wissenschaftlich, aber malerisch, weil dicht an allem Menschlichen, was im Getriebe der Zeit sich auswirkte, mußte einem den Eindruck machen, daß er wohl imstande wäre, das Werk Prosper Müllendorffs im Sinn des Verstorbenen und in Anlehnung an seine Art fortzusetzen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3467