„Pierele’, oh kuck emol de’ ellen De’erän!“
Die Mutter hatte den Pierele’ an der Hand. Sie zeigte die Chimaystraße hinunter. Unten zogen über den Konstitutionsplatz die Kamele des Zirkus Gleich ihrem neuen Lagerplatz entgegen.
„Oh we’ sche’n!“ sagte Pierele’ begeistert.
Es kommt im Leben häufig vor, daß Kamele je nach dem Standpunkt des Beschauers verschieden beurteilt werden.
Den Kamelen ist es egal.
Das ist ihre Stärke.
Als ich mich wenige Augenblicke später in der Schalterhalle der Werlings-Bank aufhielt, geschah es, daß der leibhaftige Tom Mix hereinkam, um luxemburger Geld einzuwechseln.
Wahrhaftig! Es war, als sei er direkt von der Leinwand losgekommen. Also das gibt es tatsächlich, das kommt bis in unser weltverlorenes Luxemburg! Die Beine, Kinder! Krumm darf man nicht sagen, trotzdem sie bei Gott nichts weniger als grade sind. Von einem Krummbeinigen sagt man, er sei ein schlechter Jäger, weil ihm die Hasen zwischen den Beinen durchliefen. Dieser junge Mann sah nicht so aus, als ob ihm etwas zwischen den Beinen gegen seinen Willen durchlaufen könnte. Seine Beine waren wie eine schlanke Zange, die sich mit unwiderstehlichem Druck um einen Pferderumpf schließt. Alles, was wir an dem klassischen Cow-Boy bewundern, ist diesem da kongenial. Man sieht ihn den linken Fuß in den Bügel setzen, im nächsten Moment schon ist das rechte Bein in elegantem Schwung über die Pferdecroupe verschwunden, der Gaul geht vorne hoch, tut einen Satz, wie ein Floh, und über dem Scheitel des Reiters kreist der Lasso, und fort fliegt die Erscheinung, von einer Staubwolke umwallt.
Natürlich hatte der junge Mann sein Haupt mit einem echten Stetson bedeckt, mit jenem monumentalen Hutgebilde, unter dem der Träger aussieht, wie der Stiel eines Pilzes unter dem Pilz.
Und natürlich bauschte sich über seinem Hosengürtel das Hemd, von einem merkwürdigen Rot, von dem die violette Krawatte exotisch abstach. Er hatte das Gesicht eines Mexikaners. Er war überall schlank, nur die Schultern hatten eine beruhigende Breite. Ganz sicher hat er bei der Eröffnungsvorstellung Triumphe gefeiert.
Sie sehen, der Film beeinflußt nicht nur die Literatur, sondern auch den Zirkus. Vielleicht wird der Film bewirken, daß aus dem Zirkus der Blödsinn der sogenannten Hohen Schule verschwindet. Es gehörte freilich zum guten Ton, entzückt zu sein, wenn ein Herr im Frack und Zylinder, aber mit hohen Stiefeln und unästhetisch langen Beinen einen mehr oder weniger Vollbluthengst gewaltsam daran hinderte, sich natürlich zu bewegen, und wenn der Kapellmeister höllisch auf die eckigen Bewegungen des Hengstes aufpassen mußte, damit die Kapelle nicht aus dem Takt geriet. Aber das Pferd als Einzelwesen hat längst aufgehört, die edelste Errungenschaft des Menschen zu sein. Wer heute nicht mit 20-30 Pferden fährt, zählt nicht mehr mit.
Da liegt womöglich ein Gebiet, auf dem sich der Zirkus weiterentwickeln kann. Der Motor, das Auto hat überall das Pferd ersetzt, warum soll der Zirkus nicht auf dieselbe Anpassung an die Bedürfnisse der Zeit bedacht sein? Ein Anfang ist ja mit dem Fahrrad gemacht. Man kann sich einen Zirkus der Zukunft denken, in dem für das Auto ein Äquivalent der Hohen Schule aus der Zeit der Pferdedressur gefunden sein wird. Wie würden die Auto-Enthusiasten klatschen und jubeln, wenn einer um die Arena zum Beispiel eine Panhard steuerte, die zum Rhythmus des Black-Bottom abwechselnd mit den Vorder- und den Hinterrädern shuffelte!