Unterwegs stieg eine junge Dame ein, die ihr Söhnchen bei sich hatte.
Der kleine Mann trug eine Art Matrosenanzug mit langen Hosen. Darum war von vornherein in seinem Wesen die drollige Angleichung ans Ausgewachsensein, die possierliche Vorwegnahme der Mannbarkeit.
Bei diesem schien tatsächlich das Kleid den Mann zu machen. Denn er besaß offensichtlich in Überlebensgröße das, was den Mann macht: die Stärke des Willens.
Er begann jeden Satz mit einem kategorischen Imperativ. Seine ersten Worte waren: Ich will ans Fenster! Man merkte gleich: Hinter seinen Worten stand der ungestüme, unbeugsame Wille, seine Forderung durchzusetzen. Es klang daraus Erstaunen und Zorn darüber, daß jemand zweifeln könnte, er müsse ans Fenster, wenn er es wollte.
Während der anderthalbstündigen Fahrt durch den Abend war keine Pause zwischen den Willensakten des kleinen Mannes. Andauernd wollte er etwas, in Worten oder Bewegungen. Er wollte zum Beispiel an jeder Station hinaus. Er sagte in befehlendem Ton: Komm Mama, jetzt steigen wir aus! Sie nahm von seinem Befehl keine Notiz, er wurde dringender, unterstrich seine Forderung durch vorwurfsvolles Greinen - die Mama ließ alles ruhig an sich hinunterrieseln, aber während der Kleine längst schon einem andern Willen nachjagte, klang der erste immer noch hartnäckig nach in den Worten: Ich will aussteigen! Nur an den suchenden Blicken merkte man, daß schon ein anderer Wille in ihm aufquoll.
Er hatte die eine Bank-Ecke für sich und nutzte sie nach allen Dimensionen aus, stehend, sitzend, knieend, liegend. Mal nahm er den Fensterriemen in die Hand und schüttelte ihn, wie einen Pferdezügel, wozu er den imaginären Gaul energisch ausschalt, ihm den Niemen auf die Croupe klatschte, ihn durch plötzliches Anziehen der Zügel zum Stehen brachte. Oder er versuchte, unter Aufstemmen der beiden Hände sich mit den Knien auf die Bank hinauf zu schnellen. Da zeigte sich der gute Charakter und der Humor, die er zweifellos seiner blühenden Gesundheit verdankt. Er war nicht wehleidig. Wenn er sich die Kniee an den Bankrand schlug, daß es krachte, konnte er sich vor Lachen über sein Mißgeschick wälzen. Einmal gab ihm die Mama zur Unterstützung einen Schub von hinten, sodaß der Sprung über Erwarten glückte und der Künstler sich den Kopf an die hölzerne Rückenwand schlug, daß ihm sicher ein Feuerwerk vor den Augen tanzte. Er drehte sich herum und lachte seine Mutter an, als hätte er mit ihr zusammen einen großartigen Witz gemacht.
Diese Gesundheit, die das Kerlchen ausstrahlte, machte, daß man sein quirlendes Wesen ertrug. Wäre er kränklich und weniger schön gewesen, ich hätte mir wahrscheinlich einen Platz im Nebenabteil gesucht. So hatte ich meinen Spaß daran, ihn zu beobachten. Er nahm außer seiner Mutter von niemand Notiz. Er tobte für sich und sie, die andern waren für ihn Luft. Er muß einen Herzmotor von wenigstens 500 H.P. haben.
Ich weiß nicht, ob sein Vater ihn auf die Dauer mit derselben Geduld ertragen hätte, wie seine Mutter. Sie hatte die einzig mögliche Haltung gefunden: Unerschütterliche Ruhe. Sie war wie die Wand, gegen die der trainierende Florettfechter ausfällt und auf die ein Herz gemalt ist. Die Stiche fallen dicht und stundenlang, das Herz bleibt ruhig. Sie war über ihm wie ein Dach, das still und unbeweglich alles Ungemach von dem abhält, der unter ihm wohnt.
Jetzt hat er noch ihre Augen. Später werden sie sich vermännlichen. Ich möchte wissen, wie er dann zu seiner Mutter stehen wird. Ich möchte wissen, wie dieser Unband an Willen und Kraft sich auswachsen wird, was aus ihm werden mag. Wie er einmal in - sagen wir achtzig Jahren aussehen wird.
Denn die wird er ganz sicher.