Original

23. Juni 1927

Der Luxemburger Ingenieurverein schickt sich an, den dreißigsten Jahrestag seiner Gründung zu feiern.

Im Jahre 1897 traten auf Anregung des Herrn Theodor Burggraf mehrere luxemburger Ingenieure zu einem Ausschuß zusammen, der die Bildung eines Vereins in die Hand nahm. Auf seine Einladung kamen am 27. März 1897 im alten Restaurant Faber von fern und nah an die fünfzig luxemburger Ingenieure zusammen und gründeten den Verein, der heute sein Tridezennium feiert.

Der erste Vorstand war folgendermaßen zusammengesetzt: Präsident, Georg Wittenauer; erster Vizeprästdent, Hubert Müller; zweiter Vizepräsident, Charles Palgen; Sekretär, Theodor Burggraf; Kassierer, Charles Eydt; Mitglieder: Viktor Dondelinger, J. B. Dupont, Eug. Ferron, Jules Fischer, Leon Metz, Alph. München und Paul Würth.

Heute besteht der Vorstand aus folgenden Herren: Präsident, Arthur Kipgen; erster Vizepräsident, Anton Hirsch; zweiter Vizepräsident, J. Joerg; Sekretär, E. Unden; Kassierer, V. Müller; Mitglieder: J. Belot, A. Diederich, V. Dondelinger, J. Koppes, L. Mayer, N. Metz, G. Metzler, A. Pfeiffer, N. Schock, J. Schoenberg, M. Spoo, J. Thiry und N. Wagner.

Die Feier erhält ihren besondern Charakter durch die Veranstaltung von „Eisentagen“: am Freitag, 24. Juni - Roheisentag - und Samstag, 25. Juni - Stahltag -, mit Vorträgen der HH. Arthur Kipgen, Eröffnungsrede, Alph. Wagener, von Burbach, Gegenwärtiger Stand der Hochöfen im lothringisch-luxemburgischen Erzbecken; Derclaye, von Ougrée-Marihaye, Über die großen Arbeiten bei der HochofenAbteilung des Werkes Ougrée; Ch. Gonner, Terres Rouges, Gegenwärtiger Stand des Thomas-Verfahrens; Seigle, Nancy, Über die Eigenschaften und allgemeinen Verwendungsbedingungen des ThomasStahls; P. Oberhoffer, Aachen, Über den Sauerstoff im Stahl.

Saure Wochen, frohe Feste. Aber selbst bei ihren frohen Festen können sich, wie man aus obigem Programm ersieht, die Ingenieure der Arbeit nicht entschlagen.

Dieser Verein spiegelt im Kleinen. den Charakter des Gebietes, auf dem sich seine Mitglieder betätigen. Über das Arbeitsfeld des Ingenieurs streicht unablässig die kalte, klare Luft der Sachlichkeit, klingt Tag und Nacht die nüchterne Mahnung der Tatsachen. Der junge Walzwerkchef, der in Räuberzivil zwischen den rotglühenden Stahlschlangen seinem Tagewerk nachgeht, hat keine Zeit, nebenbei Kreuzworträtsel zu lösen. Hart im Raume stoßen sich für den Ingenieur die Sachen, und so erzieht ihn sein Beruf zur Sachlichkeit, zur Pflichterfüllung ohne viel Aufsehen. Im Lärm der Maschinen lernt er das haushälterische Schweigen lieben und den verdünnten Wortschwall verachten.

Diese wunderbaren Eigenschaften zeichneten von jeher das Gemeinwesen „Luxemburger Ingenieurverein“ aus. Seine schöne Sachlichkeit verrät sich in seinen Zielen und seiner Arbeit, vor allen Dingen auch in seinem Vereinsorgan „Revue Technique Luxembourgeoise“, dessen Bedeutung längst und weit über unsere Landesgrenzen hinausgewachsen ist.

Man hört oft geringschätzig behaupten, daß wir kleine Luxemburger als Kulturproduzenten nicht in Betracht kommen. In solche wegwerfende Kritik stimmen zuweilen auch Luxemburger ein, die sich daraus ein Piedestal bauen wollen, daß sie den Chor unserer Verächter da draußen snobistisch verstärken.

Als wir 1815 nach dem Wiener Vertrag theoretisch auf eigene Füße gestellt waren, galt es zuerst, für den materiellen Boden zu sorgen, auf dem wir fortan stehen sollten. Für die Kultur, die pedantisch nur aus Schrifttum und Kunst hergeleitet wird, hatten wir wenig freie Kräfte. Erst mußten wir das Haus bauen und das regensichere Dach überm Kopf haben, ehe wir an die künstlerische Ausmöblierung denken konnten. Die Zeit, in der die Misere-Brücke ihren Namen bekam, war für uns noch nicht die Zeit von „Bildung und Besitz“, wie das hochnäsige geflügelie Wort hieß, das eine Zeitlang Kurs hatte.

Aber wo es im Positiven galt, stellte unsere Rasse ihren Mann und ihre Männer. Politiker à la Servais waren auf der Bresche, unser Daseinsrecht ingrimmig zu vertreten, Historiker à la Würth-Paquet sorgten dafür, daß unser nationales Pedigree aufgestellt wurde, Ingenieure à la Charles und Norbert Metz legten den Grundstein zu unserer materiellen Wohlfahrt, und eine hartnäckige, mit der Scholle verwachsene Bauernschaft sorgte für Brot und für Nachwuchs in allen Schichten.

Heute sind unsere Ingenieure in der Hauptsache Exponenten der Industrie, von der wir leben, deren umsichtiger und weitschauender Führung wir verdanken, daß wir unsere sozialen Pflichten als Vorbild für die großen Nachbarn erfüllen, und daß wir, so winzig unsere Heimat auf der Karte Europas aussieht, auf die Achtung aller Anspruch erheben können.

Ein großer Teil des Verdienstes kommt auf Rechnung unserer Ingenieure und ihres Vereins.

Sie verdienen, daß ihnen die luxemburgische Gesamtheit zu ihrem Fest ein volles Gelingen wünscht.

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    Katalognummer BW-AK-015-3474