Original

24. Juni 1927

Es scheint, in Esch haben sie jetzt mit der Benennung der vielen neuen Straßen dieselben Schwulitäten, wie in Luxemburg.

Es ist eines der undankbarsten Ehrenämter, die einem Bürger zufallen können, so einer Straßenbenennungskommission anzugehören. Wie man’s macht, macht man’s falsch. Die einen, die Professoren, wollen Namen, die aus dem Schoße der Wissenschaft geboren sind, die andern, die Folkloristen, zerbrechen sich die Köpfe nach Namen, die Anknüpfung an die Lokalgeschichte und Volkskultur bedeuten und den Leuten bequem auf der Zunge liegen. Die Volkszunge ist wie so ein Schüttelsieb, in dem sich alles dem Gesetz der Schwere nach lagert, wie es seiner Gestalt entspricht.

Eine Urschwierigkeit ist durch das Eindringen des Wortes Straße geschaffen, das wir früher nur in seiner Anwendung auf die Landstraße kannten. Im alten Luxemburg gab es keine Straße. Es gab die Großgasse und es gab den Breitenweg - die MerlerStraße gehörte nicht mehr zur Stadt.

Die Escher sollen sich ein Beispiel an Luxemburg nehmen - wie man es nicht machen soll. Sie sollen vor allen Dingen eine Straße, die das Volk schon benannt hat, nicht umtaufen. Das ist Barbarei. Wie es Barbarei wäre, wenn einer in Luxemburg an den Namen Lantergässel rühren wollte.

Hier haben sie dem guten alten Itziger Steg den Namen Boulevard Anatole France wie einen wallenden Ordensmantel umgehängt. Nun, vielleicht wird einmal ein Boulevard daraus, vielleicht werden einmal den Waldhang an der Alzette hinauf hübsche Villen in gepflegten Gärten stehen. Anatole France kann warten.

Eine Privatausfahrt aus einem Kohlenlager heißt pompös Rue de Namur. Schwarzseher prophezeien Repressalien von seiten Namürs und fürchten, dort heißt auf einmal als Gegenschabernack eine dreckige Gässel Rue de Luxembourg.

Esch sollte eigentlich, da es das luxemburger Amerika heißt, nach amerikanischem Muster seine Straßen numerieren. Aber die Amerikaner sind mit diesem System sich selber nicht konsequent geblieben. Sonst sind sie praktischer. Auf den Eisenbahnwagen haben sie die Nummern durch Tierbilder ersetzt; ein Kaninchen zum Beispiel hat sich einem, der seinen Wagen sucht, leichter eingeprägt, als eine Ziffer. Warum also die Straßennamen, die man leichter behält, durch Nummern ersetzen?

In einem demokratischen Gemeinwesen, in dem die Orden verpönt sind, sollte man eigentlich auch keine versteckten Orden in Gestalt von Straßennamen austeilen. Sie haben außerdem das Mißliche, daß jede spätere Generation sie umtaufen kann, und das ist immer ein Unglimpf für den verstorbenen Träger des Namens. Übrigens sind Orden an und für sich schon deshalb beliebter, weil man sie zu Lebzeiten tragen kann, während man in der Regel schon begraben sein muß, ehe man bei einer Straße Pate stehen darf.

Es scheint, daß die Leute in Esch und überall einen großen Wert darauf legen, daß die Straße, in der sie wohnen oder Häuser besitzen, einen recht vornehmen Namen führt. Sie sagen sich - wahrscheinlich mit Recht, trotzdem sie im Grund Unrecht haben -, daß auf ihren Visitkarten: Boulevard de l’Industrie sich besser macht, als: Wassergässel. So ist heute leider das Leben: daß jeder das Bedürfnis verspürt, mit einem möglichst hochtrabenden Etikette hinauszutreten. Wir haben keine Zeit mehr - und vielleicht auch nicht mehr die Fähigkeit, die Menschen kennen zu lernen. Darum will jeder mit äußeren Zeichen bluffen, um so rasch wie möglich Anschluß zu finden und sein Geschäft zu machen. Die Orden standen deshalb nie so hoch im Kurs, wie heute. Sie rubrizieren ihren Träger augenblicklich. Wenn Sie auf einer belgischen Eisenbahn Streit mit einem Mitreisenden bekommen, so stecken Sie um Gottes willen sofort Ihren LeopoldOrden ins Knopfloch, damit der Zugführer weiß, für wen er Partei ergreifen soll. (Ich nehme selbstverständlich an, daß Sie nicht ohne einen Orden in der Tasche auf Reisen gehen.)

Die Berufung auf einen gutklingenden Straßennamen ist etwas, wie ein Orden im Knopfloch.

Aber es ist eine alte Erfahrungstatsache, daß in der Regel der beste Wein in den Flaschen mit den einfachsten Etiketten ist.

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    Katalognummer BW-AK-015-3475