Ein Freund schreibt mir von einem belgischen Badestrand, daß er auf der Suche nach einem Unterkommen in eine Familienpension geriet, wo man ihm fünshundert Franken Kaution abverlangte. Ich versichere dem geneigten Leser, daß mein Freund ein ehrliches Gesicht hat und einen durchaus soliden Eindruck macht. Ein Familienpensionsinhaber sollte soviel Menschenkenntnis haben, daß er nur bei verdächtigen Kunden eine so wenig freundliche Vorsichtsmaßregel gebraucht. Oder hat dieser vielleicht die Absicht, in den nächsten Tagen die Bude zu schließen und mit den Kautionen seiner Gäste durchzubrennen? Man sieht wirklich nicht ein, wieso ein Familienpensionsinhaber mehr Recht haben sollte, sich gegen seine Gäste zu sichern, als umgekehrt.
Alle Landsleute, denen heuer der Sinn nach einer ausländischen Sommerfrische steht, kehren ihre Blicke himmelwärts, wenn sie davon reden, und sagen: Die Preise! Bei der Valuta! Sie sagen es teils aus aufrichtigem Herzen heraus, teils um nicht in den Verdacht ungezählter Gelder kommen, was den Neid ihrer Mitmenschen erregen könnte.
Nie hatte für uns das Wort: Bleib im Land und nähre dich billig! in solchem Maß seine Geltung, wie jetzt.
Tatsächlich, es ist selbst für einen, der an Goldbilanz gewöhnt ist und für den die Indexziffer keine Schrecken hat, eine Demütigung, wenn er in der Fremde mit seinen Zwergfranken neben den Valutaprotzen der andern Länder bestehen muß. Er hat’s, aber er muß sich doch ärgern, wenn er sich sagt: Dort, den Herrn aus Trier kostet sein Kotelett mit Bratkartoffeln eine Mark zwanzig, dich kostet es zehn Francs, wo es dich doch nur einen Franc fünfzig kosten dürfte. Man fühlt sich zurückgesetzt, blamiert, rückständig. Man kommt sich vor, wie einer, der den Zug verfehlt hat, nicht durch eigene Schuld, sondern weil er auf einen Begleiter warten mußte, der unterwegs die Zeit vertrödelte oder überhaupt zu langsam vom Fleck kam.
Das Beste wird sein, wir bleiben im Land und geben dem Wirtschaftsganzen, aus dem unser Geld stammt, es auch wieder zu verdienen.
Die Hauptsache beim Urlaub ist doch, daß man wieder eine Zeitlang andre Gesichter sieht. Die kann man auch hierzulande sehen, einheimische und fremde. Wir haben im Land die schönsten Unterkunftsmöglichkeiten. Wer es nicht entbehren kann, tagtäglich eine Stunde im Wasser zu plätschern, hat die Mosel und die Sauer zu seiner Verfügung. Es dauert sicher nicht lange, so tut sich irgendwo zwischen Diekirch oder Schengen und Wasserbillig ein Badestrand auf; was am Rhein, an der Isar, an der Maas, der Semois und andern Binnengewässern möglich war, können auch unsere Leute, wenn sie Initiative haben.
Wem es aber in unsern großen Touristenhotels noch zu teuer ist, findet kleine, deren Preise für ihn erschwinglich sind; und wem auch das noch über die Kompetenz geht, der hat sicher irgendwo auf dem Dorf eine befreundete Familie, die ein Bett für ihn richten und einen Teller mehr für ihn aufsetzen kann. Die Hauptsache ist erreicht, die Ausspannung, die Auffrischung von Geist und Gemüt in einer andern Umgebung, deren Eindrücke seelisches Brachland aufackern und einsäen. Es muß ja nicht immer die See und es müssen nicht die Berge sein noch das Sichverlieren im internationalen Sommerfrischlertum. Manche, die nach drei oder vier Wochen nachhauskommen, erzählen wohl, wie sie sich amüsiert, aber nicht, wie sie sich gelangweilt haben. Sich langweilen ist schon an und für sich nichts Erfreuliches. Aber sich langweilen in dem Bewußtsein, daß man dafür auch noch Geld, viel Geld, sauer nerdientes Geld ausgeben muß, das vergällt einem die schönsten Vakanztage. Auch ohne Geizhals zu sein, wird jeder schon erfahren haben, daß die Lust an der Freiheit der Ferienwochen in direktem Verhältnis zu den Kosten steht.
Also: Bleibt im Land und nährt Euch billig!