Original

28. Juni 1927

Der junge Ingenieur kam auf mich zu, streckte mir leuchtenden Auges beide Hände entgegn und rief:

„Sie hatten recht, wir sollen im Lande bleiben. Wir sollen wenigstens so lange im Lande bleiben, bis wir es gesehen haben, so viel davon gesehen haben, wie die Fremden, die von weit her kommen, um es zu durchstreifen.“

„Wie zum Beispiel, sagte ich, ein paar englische Familien, die jedes Jahr wiederkommen und von jeder neu entdeckten Gegend und der Aufnahme, die sie finden, so entzückt sind, daß sie am liebsten ganz Luxemburger würden, wenn sie nicht ausgerechnet Engländer wären. Aber wie kommen Sie zu dieser plötzlichen Begeisterung?“

„Ich machte gestern den Ausflug des Luxemburger Ingenieurvereins mit, und seither ist mir zumut, als sei ich von einer weiten Reise, meinetwegen einer Nordlandfahrt zurück und immer noch im Gang, meine Eindrücke zu verarbeiten.“

„Ich hörte davon,“ sagte ich. „Es sei trotz des verruchten Wetters ein großartiger Abschluß der Eisentage gewesen.“

„Ohne den Regen wäre es ja schöner gewesen, aber ich stellte mir das Ganze im blanken Sonnenschein vor und bin nun nicht mehr zu halten. Ich muß einmal hin bei günstigem Bummelwetter und mich in all den Tälern verlieren und auf all den Höhen .... aber lassen Sie mich lieber von vorne anfangen.

Um neun Uhr, Rondpoint vor dem Neutor. Wir versichern uns gegenseitig, ja, wetten schwindelnd hohe Summen, daß um zehn, spätestens elf Uhr die Sonne scheinen wird. Moralisch sind wir alle ruiniert, die an die Sonne geglaubt hatten. In Kopstal schien sie noch nicht, im Mariental sah man die Regentropfen auf dem graugrünen Spiegel der Eisch hüpfen, die Mädchen schrieen auf und hielten die Regenschirme vor ihre fleischfarbig bestrumpften Sonntagsbeine, wenn die Autos vorbeispritzten; in Mersch war es nicht besser, noch auch in Ettelbrück und Diekirch. Aber wir achteten nicht des Regens. Wir gondelten in Festtagslaune durch die grüne Frische. Bis Bleesbrück war mir die Gegend vertraut, dann bogen wir nach links ab, die Blees entlang. Ein Franzose, der bei uns im Wagen saß, war sprachlos, als er in Bastendorf, fernab vom Weltverkehr, ein Hotel Wampach an der Straße liegen sah, von dem er versicherte, dort müsse man vorzüglich aufgehoben sein, er sei viel gereist und verstehe sich auf die Physiognomien der Gasthäuser. Er notierte sich die Adresse.

Dies Bleestal ist ein Idyllchen, und die Blees das putzigste Gerngroßwässerchen, das ich je gesehen habe. Sie sieht aus, wie die Sauer etwa oder die Clerf durch ein umgekehrtes Fernrohr gesehen, mit Wasserfällchen und Teichen und allen Schikanen.

Die Brandenburg ist ein Märchen. Und ein Märchen ist der Weg den Berg hinauf, zwischen Weiler und Pütscheid hindurch auf die Höhe von Nachtmanderscheid. Waren Sie schon dort oben?“

„O ja!“

„Nein, Sie waren noch nicht da. Sonst klänge Ihr „O ja!“ ganz anders.“

„Ich bin schon vor dreißig Jahren über alle die Straßen geradelt.“

„Und haben Sie das Wunder gesehen, das Märchental, das links von der Straße abfällt, nach den Ruinen der Burg Falkenstein zu? Ich sage Ihnen, anderswo hätte man an dem Punkt ein Hotel gebaut, zwei Hotels, drei Hotels, eine Villenkolonie, die Steue wäre berühmt, wie der Herzogenstand, wie RigiKulm, wie die Blümlis Alp, wie der Popocatepetl. Sie kriegen Herzklopfen, wenn sich dies Tal plötzlich vor Ihnen auftut. Und kaum haben Sie sich von so viel Schönheit erholt, so geraten Sie wieder in Aufregung, wenn Sie der Schloßruine von Vianden ansichtig werden. Unser Franzose notierte sich anhaltend Adressen in sein Notizbuch. In Diekirch schlug er die Hände überm Kopf zusammen, als er erlebte, daß in einem luxemburger Provinzstädtchen ein Touristenhotel stand, das zweihundert Mittagsgäste elegant aus dem Handgelenk beköstigte, als wären es ihrer drei gewesen. Und als er bei Echternach am Ufer der Sauer, mit entzückendem Ausblick nach vorne und herrlichem Buchewald im Rücken, einen Hotelneubau derselben Gesellschaft sah, dem er eine goldne Zukunft prophezeite. Und als er in Echternach beim Funny den gemütlichen Betrieb sah und als beim Scholtus in der Bellevue die jungen Frauen und Töchter der Ingenieure tanzten - die schönsten des Landes, sage ich Ihnen!“

„Wirklich die schönsten?“

„Die allerschönsten! Miß Luxemburg existiert nicht neben ihnen. Und dann fuhren wir heim, und Herr Präsident Kipgen lachte übers ganze Gesicht, well alles so trefflich gelungen war, und Herr Albert Peiffer lächelte, teils auch, weil alles so trefflich gelungen war, teils, weil er schon mit einem Bein auf dem Dampfer nach Brasilien stand, und alle lächelten zufrieden, am meisten Herr Bernhard Wolff, der das Ösling und das Gutland zweckstrebig verwaltet und den Touristenstrom im Fließen hält.“

„Also werden Sie Ihre Ferien im Lande verbringen?“

Er kratzte sich mit leichten Fingerspitzen am Kopf und sagte: „Ich fürchte, es geht nicht, meine Frau hat schon fünf neue Toiletten. Was finge sie mit denen in Bastendorf an!“

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    Katalognummer BW-AK-015-3477