Original

29. Juni 1927

Vor zwei bis drei Wochen stand hier ein durchaus höflicher Brief an den heiligen Medardus, den großen Wettermacher. Er wurde darin in der Hauptsache gebeten, es mit der Berieselung, die ihn berühmt gemacht hat, gnädig zu machen und sein Faß lieber beieinander oder doch vorwiegend nachts auslaufen zu lassen.

Aber er hat sich daraus wenig gemacht. Wir sind ihm Luft. Er hat es regnen gelassen, wenn es ihm grade paßte, und das war meistens dann, wenn es uns am wenigsten paßte. Und er scheint nicht nur in Sachen Barometer die Führung übernommen zu haben, auch die Temperatur gehört zweifellos jetzt zu seinem Departement.

Das, was wir früher einen lauen Sommerregen zu nennen pflegten, gibt es nicht mehr. Ein eisiger Nordwest- oder Südweststurm peitscht eisige Regenschauer über die erstaunten Fluren. Die Pflanzenwelt ist verdutzt, wie Gäste, die aus Versehen viel zu früh oder gar an einem falschen Tag zu einem Abendessen gekommen sind und das Haus unerleuchtet finden. Wo bleibt die Sonne, wo bleibt der Sommer? Müssen wir uns das alles schweigend gefallen lassen?

Nein, schreibt mir ein Korrespondent. Sie haben, schreibt er, durch Ihren obsequiosen Brief an den Herrn Medardus die Sache total verkehrt angefangen. Lesen Sie bitte einmal in der letzten Frühlingsnummer der Pariser „Illustration“ vom 14. Mai 1927 nach, wie die bretonischen Frauen sich mit den Heiligen auseinandersetzen. Riemand wird leugnen, daß die Bretagne die frömmste und katholischste Bevölkerung von Frankreich hat. Sie ist die Hochburg des alten Glaubens, und vielleicht grade deshalb dürfen sich die Bretoninnen mit dem heiligen Petrus die Freiheiten herausnehmen, von denen Ch. Géniaux in der „Illustration“ unter dem Titel „Douarnenez„ berichtet.

Es geschah nämlich einst, daß in der Bucht von Douarnenez die Sardinen ausblieben.

Die Fischer rechnen dortherum alljährlich auf die Sardinen, wie unsere öslinger Bauern auf die Kartoffeln. Kommen keine Sardinen, so ist das viel unheimlicher, als wenn keine Kartoffeln wachsen. Der Kartoffelbauer weiß wenigstens im voraus, ob und warum es viele, wenig oder keine Kartoffeln geben wird, der Sardinenfischer hängt mit seiner Erwartung in der Luft, nichts kündet ihm im voraus, ob der Sardinenzug reich, ausgiebig, soso oder garnicht sein wird. Ist das Datum da, so wartet er, und kommt nichts, so wartet er eben weiter.

Als damals nichts kam, wurden die Fischerfrauen ungeduldig. Sie wußten von alters her, daß es der heilige Petrus war, der die Sardinen nach der Bucht von. Douarnenez zu dirigieren hatte. Sie pilgerten also zu seiner Statue an dem Pfad von Tréboul und baten ihn, er möchte doch die fälligen Sardinen möglichst bald bringen. Trotzdem er am See Genesareth als Junggeselle in seiner Fischerhütte gehaust habe, so wisse er doch noch von damals, wie kratzig es den Fischerfrauen geht, wenn ihre Männer nichts fangen. Und sie schmückten sein Standbild mit Blumen und gingen ihm so schmeichelnd um den Bart, daß er hätte schmelzen müssen, wenn er nicht von Stein gewesen wäre.

Im September rührte sich nichts in der Bucht von Douarnenez. Leer und leer und leer zogen die Fischer ihre Riesennetze aus der blauen Flut.

Aha! sagten da die Fischerfrauen. Aha, ist es um die Zeit! Und gingen hin, banden Besen von dem dunkeln Stechginster, der die windgepeitschten Weiten der Bretagne überwuchert und verprügelten damit nach Noten das Heiligenbild. Dann drehten sie es in seiner Nische herum, mit dem Gesicht gegen die Wand und gingen zufrieden heim.

Im folgenden Jahr hob es sich in der Bucht von Douarnenez von Sardinen und die Fischer konnten ihre vollen Netze kaum an Bord bringen.

Weiß jemand, wo hierzuland eine Statue des heiligen Medardus steht?

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    Katalognummer BW-AK-015-3478