Original

30. Juni 1927

Ein pittoresker Fall Mensch, dieser Burr Macintosh.

Sie haben ihn gekannt. Er kam am 21. November 1918 mit den Amerikanern. Nicht als Offizier oder Private, sondern als Würdenträger des Y. M. C. A., des christlichen Jünglingsvereins.

Er war ein prachtvoll gewachsener Fünfziger. Breitschultrig, athletisch, wuchtig. Seine Gesicht war eine geräumige Bühne, auf der sich die Gefühle tummelten, aber nur in Verkleidung, nie in Zivil. Jedes wußte, sich in Szene zu setzen und ein Maximum zu sein, Eindruck zu machen, für einen wirkungsvollen Abgang zu sorgen.

Wenn Burr Macintosh aufstand, ragte er wie eine Bastion in die schwüle Luft des Kasino-Saales die grau war von Tabakrauch und warm von der animalischen Wärme der aufeinander gepackten Gäste und betäubend von dem Alkoholdunst aus Gläsern und Mündern.

Am Klavier hatte Putty Stein grade zum ersten Mal das unheimlich traurige Lied vom long long trail a-winding gespielt, das Heimweh der O. D. Boys klang in rauhen Stimmen und blickte feucht aus verschwommenen Augen - da schlug es Mitternacht. Und in jener Mitternacht wechselte die Zeit und die Zeiger an den Uhren wurden um eine Stunde zurückgedreht. Da hielt Burr Macintosh seine schönste Rede und sagte, jetzt hätten wir alle eine Stunde unseres Lebens gewonnen, indem wir wieder eine Stunde zurück zu leben anfangen dürften.

Er spielte hier eine Rolle, der große Macintosh. Er war zusammen mit Theodor Roosevelt und mit Wilson in die Schule gegangen. Sagte er., Sie nannten ihn Burr und er schlug ihnen auf den Bauch und sagte: Wie geht’s Alter? Wenn sie eine besonders schwierige Sache zu fingern hatten, war er immer ihr Mann.

Er hatte nicht aktiv gedient, sagte er. Weil er anderweitig viel größere Dienste leisten konnte. Er hatte als Soldatenwerber die Staaten durchzogen und Tausende derart begeistert, daß sie Vater und Mutter, Braut und Frau und Kinder verließen und in den Krieg gegen den Kaiser zogen. Der große Burr zeigte uns Aufnahmen, auf denen er zu sehen war, wie er an einer Straßenecke auf einem Faß, auf dem Dach eines Automobils, in einem offenen Fenster stand, hemdärmelig, mit blitzenden Augen, gesträubtem Haar, gefletschten Zähnen auf die Menge einredend.

Diese vielfältige Tätigkeit mußte zwangsläufig ins Kino münden. Burr Macintosh war in seinem ganzen Wesen derart auf den Film zugeschnitten, daß er ihm zutreiben mußte, wie die Welle dem Strudel.

Und richtig. Als ich gestern während einer verlorenen Stunde im „Geheimnisvollen Bogenschützen“ saß, erschien es auf der Leinwand: John Bellamy (Burr Mc Intosh).

Ich konnte es kaum erwarten, bis er auftrat. John Bellamy war ein schrulliger Millionär, der von seinem Schloß am Hudson River aus allerlei phantastische Dinge inszeniert und von dem natürlich erst in der zweiten Hälfte des letzten Aktes herauskommen wird, ob er ein Schurke oder ein edler Mensch ist.

Na, natürlich, er ist es! Good evening, mister Burr, how are you getting on? Paßt auf, gleich tritt er aus dem Rahmen und kommt auf Euch zu, hält Euch eine Riesentatze zum shaken hin und fragt: Have you got some old snaps?

Er ist ein wenig älter geworden, seine Augenbrauen sind ein wenig buschiger, die Falten in seinem Gesicht ein wenig tiefer. Man merkt, warum. Die Leidenschaften fahren über dies Gesicht so rücksichtslos so wild, so brutal und lastend, wie schwere Geschütze über einen Acker. Da geht es nicht ohne Furchen ab.

Als Burr Macintosh damals Abschied nahm, sagte er: Auf Wiedersehen!

Er hat Wort gehalten.

Aber wie klein ist doch die Welt geworden seit Christoph Kolumbus!

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    Katalognummer BW-AK-015-3479