Original

1. Juli 1927

Ein neues Autonummernverzeichnis ist bei WorréMertens erschienen.

Es war die höchste Zeit. Denn grade die schönsten neuen Luxuswagen standen nicht in dem alten Heft, und wenn ein solches Kleinod auf Rädern - und welchen Rädern! - lautlos an Dir vorbeiglitt und sich sauft in den Federn wiegte, dann wußtest Du nicht, wen Du darum beneiden solltest.

Die alte Steuergesetzgebung kannte als Grundlage der Steuerveranlagung allerhand äußere Zeichen der Wohlhabenheit. Hausfassaden, Zahl der Fenster, Equipagen u. s. w.

Keines davon war so dicht an der Wirklichkeit, wie das Automobil. Auf dem Weg zum Vermögen ist das Automobil der Rubikon. Wenn sie von einem sagen: Er hat ein Auto - so hat er den Rubikon überschritten. Er ist rubriziert. Hat er auch einen Chauffear, so steigt er um eine Rubrik höher. Hat er zwei Autos, so interessiert man sich für ihn schon weniger, er steht schon jenseits von viel und wenig. Dann kommen die, bei denen die Autos ungefähr dieselbe Rolle spielen, wie bei andern Leuten die Überzieher. Sie haben eines nicht nur für jede Witterungsnüance, sondern für jede Stimmung.

Schwankungen in den wirtschaftlichen Luftdruckverhältnissen verraten sich am direktesten im Auto. Es tritt in die Erscheinung, wenn ein bestimmter Druckgrad erreicht ist, und es verschwindet oder erleidet Veränderungen, sobald der Tiefdruck einsetzt. Wenn jemand von einer Modemarke zu einer Ford übergeht und dabei den Schlauberger mimt und sagt: Fällt mir nicht ein, mich mit diesen unverschämt teuern Mastodonten zu belasten, die an Bereifung und Öl und Benzin und Steuer ein Heidengeld verschlingen! Ich kaufe mir eine Ford, fahre sechs Monate, ein Jahr, bis sie zu klappern anfängt, stoße sie ab und kaufe mir eine neue - so weiß man Bescheid.

Entweder sind die Masematten schofel oder der Mann ist wirklich klüger geworden.

Du siehst, so ein Autonummernverzeichnis ist Steuerliste und Auskunftsbüro in einem.

Es hilft Dir unter Umständen auch, den Charakter des Autobesitzers zu bestimmen. Wie mancher Millionär in fadenscheinigem und abgerissenem Anzug herumgeht, entweder aus Geiz oder aus Wurschtigkeit und Menschenverachtung, so legt einer mehr oder weniger Wert darauf, daß er mit seinem Auto den Leuten imponiert. Er macht sich nichts daraus, in einem alten Jagdwagen mit zerrissenen und versessenen Polstern, kotbekleckerten Rädern und rostigen Eisenteilen durch Stadt und Land zu kutschieren, wenn nur der Motor noch hält und in den Graden die hundert Kilometer angetippt werden.

Es ist immer ratsam, ein Autonummernverzeichnis bei sich zu haben. Wer weiß, eines Tages wirst Du überfahren, der Kerl läßt Dich hilflos auf der Straße liegen, sicher, daß Dir der Mund für ewig geschlossen ist. Aber Du hast Dein Nummernbüchlein in der Tasche, Du ziehst es rasch heraus, bevor Du den Geist aufgibst, und machst rasch ein Kreuz neben die Nummer des Wagens, die Du natürlich erblickt hast, ehe es zu spät war. Der Kerl wird gepackt. Möglicherweise freigesprochen. Aber das kann Dir egal sein, das erfährst Du nicht mehr.

Oder Du sitzest irgendwo draußen auf einer fröhlichen Terrasse, hast den letzten Zug verpaßt, hast zum Trost noch eine allervorletzte Flasche mit den ortsansässigen Freunden getrunken und weißt nicht, wie Du nachhaus kommen wirst. Unten steht ein Auto am andern. Du kontrollierst die Nummern an Hand Deines Büchleins und findest, daß drei gute Freunde von Dir dabei sind, von denen jeder Dich zweifellos gerne mitnehmen wird. Vorsichtiger wird es allerdings sein, Du fragst gleich, ob Du im Hotel ein Zimmer für die Nacht haben kannst.

Oder: Du gehst über Land und an Dir vorbei saust ein Auto, aus dem Dich im Vorüberflitzen eine Dame, eine hübsche junge Dame grüßt. Wie von einem Blitz in der Nacht erleuchtet hast Du ihre winkende Hand, ihre lachenden Augen, ihre weißen Zähne und kirschroten Lippen gesehen - dann war das Bild erloschen, im Staub verschwunden. Wer war es! Gelt, junger Mann, das möchtest Du wissen! Vielleicht war es Dein Glück, das diesen plötzlichen Schein über Deinen Weg blitzte, damit Du ihm nachjagen und es erhaschen sollst. Vielleicht war es eine ausgelassene Fremde, die Dich nur uzen wollte. Du verlierst Dich in Vermutungen, zerbrichst Dir den Kopf, wo Du diese Augen, diese Zähne, diese Lippen schon gesehen hast. Das alles bleibt Dir erspart, wenn Du Dein Nummernbüchlein in der Brusttasche hast und feststellen kannst, daß es die Mimi war, oder die Mizzy oder Sisy oder sonst eine, die vielleicht die Richtige sein könnte.

Man fragt sich, warum der Verleger noch nicht auf die Idee verfallen ist, dies Nummernverzeichnis in ganz kleinen Typen auf ganz dünnes Papier zu drucken, damit man es bequemer in der Tasche unterbringen kann. Denn wenn man es nicht in die Tasche steckt, hat es keinen Zweck.

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    Katalognummer BW-AK-015-3480