„Ei ei!“ sagte Herr Grimmberger. „Ein Wetterleuchten des Schmerzes zuckt über Ihr Antlitz. Haben Sie zu enge Schuhe an, tut Ihnen ein Hühnerauge weh?“
„Hexenschuß!“ stöhnte ich und griff nach der Stelle, wo die sechste Rippe von oben links ans Rückgrat angewachsen ist.
Herr Grimmberger lachte das grausamste Lachen, dessen ein alter Nörgler fähig ist.
„Jawohl, Hexenschuß und Zipperlein. Wenn Sie damit Mitleid erregen wollen, blamieren Sie sich nur.“
Er hatte recht. Bei seinen Worten wurde mir klar, daß auch ich meinen besten Freund nicht bemitleiden würde, wenn er sich über einen Hexenschuß beklagte.
„Wie kommt es nur, Herr Grimmberger, daß es einen mit aufrichtigem Bedauern erfüllt, wenn man von einem Bekannten hört, er habe Zahnweh, Kopfweh, Nervenfieber, Lungenentzündung oder gar Schwindsucht, und daß es einen vollständig kalt läßt, wenn einer einem vorjammert, daß er vor Zipperlein keine Schuhe mehr an die Füße bringt? Man drückt ihm höchstens ein Auge zu und lacht dazu verständnisvoll.“
„Das ist es ja eben,“ versetzte Herr Grimmberger. „Alle diese Gebresten, die mit Harnsäuresalzen zu tun haben, gelten als Folgeerscheinungen einer üppigen Lebensweise. Podagra, Chiragra, Gonagra und Omagra sind die Kehrseite der Medaille „Burgunder und Schnepfendreck“. Schon der drollige Name Zipperlein klingt wie eine Verhöhnung der Pein, die der Gichtiker leidet, wenn er mit dick verbundenem Fuß im Lehnstuhl sitzt und seine Rede mit Flüchen durchwachsen ist, wie ein Kornfeld mit Disteln. Mit Feder und Stift macht sich die humoristische Literatur über ihn lustig. Er ist darin zur stehenden Figur geworden, als alter Oberförster oder Lebemann, der die durchpraßten Nächte und die doppelseitig feuchten Pürschgänge mit schmerzdurchzuckten Zehengelenken büßen muß. Jawoll, alter Knabe, denkt man bei solchem Anblick, wie man’s treibt, so geht’s!
Und außerdem ist der Schmerz bei Zipperlein und Hexenschuß von ganz besonderer Eigenart. Er pulst nicht unablässig, hartnäckig, boshaft durch die Nerven, es ist gleichsam, als sei da ein Topf bis an den Rand voll Schmerz, der nur überschlabbert, wenn man den Topf rückt oder anstößt, sonst aber sich leidlich ertragen läßt.
Dazu weiß man, daß über ein paar Tage oder Wochen die Genesung winkt, daß man wieder wohl und munter durch den Tag wirken wird. Kein edleres Organ ist in Mitleidenschaft gezogen, nur die Muskeln, das Proletariat sozusagen des Organismus, müssen herhalten.
Stellen Sie sich dagegen vor, wie Sie das letzte Mal Zahnschmerzen hatten. Da hatte sich der gemeine Eindringling an der Stelle Ihrer Körperlichkeit festgesetzt, die Sie am sorgfältigsten vor fremdem Eingriff zu hüten gewohnt sind: In Ihrer Mundhöhle. Nichts ist empörender, als der Gedanke, daß einem jemand in den Mund hineingreift. Das tut das Zahnwey. Es sitzt gewissermaßen im Erdgeschoß der Wohnung, wo im ersten Stock der Geist haust, dem die Leitung des ganzen Betriebs obliegt. Und da rumort die aufdringliche Kreatur und fuhrwerkt und spektakelt und klopft mit jedem Herzschlag an die Wand, daß der Geist oben am liebsten aus der Haut führe.
Noch schlimmer ist es, wenn sie als Kopfweh, Nevralgie u. s. w. in die Wohnung des Geistes selbst eindringt und sich dort auf den Gehirnvoluten wie auf Sofas und Klubsesseln rekelt. Man leidet wie unter einer dreckigen, vorlauten und ungezogenen Zwangseinquartierung. Von Humor ist da kein Dunst mehr zu verspüren.
Von Krankheiten mit sicherem oder möglichem Tod im Gefolge nicht einmal zu reden. Da ist das Mitleid einsach Menschenpflicht.“
Grade hatte ich beim Atemholen meinen Hexenschuß provoziert und schnitt die Grimasse, zu der mich sein Ausschlagen zwang.
Herr Grimmberger lachte, daß er sich bog. Als er sich wieder aufrichtete, fuhr er sich fluchend mit der Rechten an die Hüfte, ein stechender Schmerz riß in seine Züge plötzlich den Ausdruck, der einem ausgewachsenen Hexenschuß adäquat ist, und mit einem wütend gezischten „Nondidjeß!“ (Ton auf der zweiten Silbe) drehte er mir den Rücken und humpelte von dannen.