Mehr Städte, als sich im Altertum um die Ehre stritten, der Geburtsort Homers zu sein, werden sich bald um die Ehre streiten, Herrn Leon Daudet in ihren Mauern zu beherbergen.
Der arme Daudet! Seine Freunde haben ihm einen bösen Streich gespielt. Erst lachten Paris und die Welt über die genasführten Behörden, aber allmählich beginnt man über den armen Dicken zu lachen, der seiner Freiheit nicht froh werden kann. Ihm ist, wie jedem Erzfranzosen, nur wohl auf heimatlichem Boden, und da darf er sich nicht zeigen, ohne daß ihm ein Gendarm die Hand an den Kragen legt. Er muß sich mäuschenstill verhalten, darf nicht krakehlen, muß sein schmetterndes Kikeriki ängstlich hinunterschlucken. Er wird bei diesem zurückgezogenen Lebenswandel noch mehr Fett ansetzen, wie ein Kaninchen, das man zum Mästen hoch an der Wand auf ein handgroßes Brett gesetzt hat, wo es sich nicht rühren kann.
Nein, das hatte er nicht um sie verdient. Um sich einen Spaß zu machen, haben sie ihm seine schöne Märtyrerkrone zerzaust.
Außerdem erschien mir der Schuster Wilhelm Vogt im Schlaf und überreichte mir einen flammenden Protest dagegen, daß die Zeitungen diesem Abenteuer den Namen Pariser Köpenikiade anhängen.
„Bitte sehr, man mache sich erst den Unterschied klar zwischen mir und Herrn Pujo, zwischen meiner Leistung und dem Quartanerstreich der Camelots du Roy. Was haben sie schließlich vollbracht? Was gehörte dazu? Doch wenig mehr, als zu einem anonymen Brief. Max und Moritz waren gegen sie die reinen Conquistadoren. Wenn ich an einer Haustür klingle und weglause, oder wenn ich durchs Telephon ein Dutzend Leute für morgen zu Herrn Müller aufs Abendessen einlade und Herr Müller weiß nichts davon, so darf ich mich an Mut, Entschlossenheit und Erfindungsgeist mit den Herren messen, die ihren Häuptling telephonisch aus dem Gefängnis befreit haben. Sie haben in keinem Augenblick ihre Haut zu Markte getragen, sie haben persönlich nichts riskiert, indem sie sich anonym hinter einen Fern- sprechapparat setzten und auf billige Weise die Leute mystifizierten. Ich protestiere mit aller Energie gegen die Gleichstellung, die darin liegt, daß man aus diesem Anlaß von einer Pariser Köpenikiade spricht. Wir haben unsere Köpenikiade, und wir sind stolz darauf. Denn da lag wirklich was drin! Da gehörte Grütze dazu und kaltes Blut und Wagemut und Schneid im Auftreten. Was meinen Sie, gibt es in ganz Frankreich einen Schuster, der fertig brächte, was ich da aus dem Handgelenk gedeichelt habe? Das soll mir einer nachmachen! Eine schäbige Hauptmannsmontur - denn sie war tatsächlich schäbig - ein paar arg verknüllte Handschuhe, ausgetretene Stiefel - aber von innen heraus der nötige Avec, der feste Glaube an den Drill, die Hierarchie und Disziplin, - ich sage Ihnen, an einer festen Leiter kann auch mal ein Elefant hinaufklettern. Ich riskierte es. Sie hat mich getragen. Damals hat Europa über uns gelacht. Europa hatte Unrecht. Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht. Ich habe Europa gezeigt, daß wir aus dem Gehorsam unsere erste Pflicht gemacht hatten. Ich habe es nicht über den Telephondraht, aus sicherem Versteck heraus riskiert, ich habe mich voll und ganz eingesetzt, nicht nur meinen persönlichen Mut, nein, auch den Kavalier, der in mir stak, der durch sein Auftreten bestach und imponierte. In mir konzentrierte sich der Geist eines Zeitalters, ich fühlte mich als Symbol, als Exponent, ich, ein einfacher, armer Schuster! Und sie verstanden mich, alle, die keine Pedanten und Küster und Krämer waren, und sie schrieben über mich in obigem Sinne, wie man zu sagen pflegt.
Also wenn ich bitten darf, laßt mich gefälligst aus diesem Kinderspiel und vergleicht Euch nicht mit dem, der endgültig in die Geschichte eingegangen ist als der Hauptmann von Köpenick.