Original

5. Juli 1927

Vor dem Reisebüro hält ein Touristen-Auto.

Es hat eine angenehm grüne Farbe. Sie verkündet, daß man mit diesem Wagen ins Grüne fährt, aber sie erhebt nicht den Anspruch, es den Wiesen und Wäldern gleich oder gar zuvor zu tun. Das Grün der Wiesen und Wälder klingt leise, bescheiden, gedämpft an den Wänden dieses Wagens aus.

Allmählich sammeln sich die Fahrgäste. Die zuerst kommen, haben die Wahl der Sitze. Ein dickes Ehepaar probiert erst hinten, dann vorn, dann in der Mitte. Bis es zur Überzeugung gekommen ist, daß die hintern Sitze die besten wären, sind diese schon von einem Hochzeitsreisepärchen belegt. Für Hochzeitsreisende ist es wichtig, daß sie niemand von hinten beobachtet.

Die Männer tragen ohne Ausnahme Mützen. Die Mütze gilt noch immer als das Sinnbild der Ausspannung, der Pflichtenlosigkeit, des dolce far niente. Heute mehr als je, wo sich mit dem Begriff Ferien der Begriff Auto selbsttätig vermählt. Nicht alle Menschen von heute empfinden das Autofahren als etwas so Alltägliches, daß sie so, wie sie sind, in den Wagen steigen, sogar mit ihrer gewöhnlichen Kopfbedeckung. Die meisten halten dabei die Mütze für unentbehrlich. Sie gilt ihnen als Hauptuniformstück für die Bevorzugten, bei denen Benzinflämmchen, Stahl und Gummi die Arbeit der Nerven und Muskeln übernehmen und sie in fünfzehnfacher Vermehrung leisten.

Allmählich füllt sich der Wagen, der Chauffeur pustet das Stümpfchen Zigarette, dem er das letzte Rauch- und Duftwölkchen entsogen hatte, von der Unterlippe und kurbelt an. Mit fröhlichen Abschiedsgeräuschen schwankt der Wagen um die Ecke.

Nichts weckt so intensive Feriengefühle, wie so ein Touristenwagen. Jeder einzelne von der Gesellschaft flößt einem Neid ein, aber auch den festen Willen, so bald wie möglich es ihm gleich zu tun. Dort, der blasse, stille Mensch mit den inwendig frohen Augen, er ist vielleicht Lehrer, oder Postsekretär, oder Bankbeamter, oder Zigarrenverkäufer, was weiß ich. Er hat sich acht Tage lang frei gemacht, er ist nach Luxemburg gefahren, um Valuta zu schleckern, bei Namür war er auch schon, heute wird er durchs Land fahren. Was er sehen wird, ist ihm ziemlich gleichgültig, wenn er nur den freien Himmel über sich sieht, Wälder, Kornäcker, Wiesen, Bäche mit Erlenbüschen, den Fluß mit Kähnen, von denen die Fischer die Netze werfen, die Uferberge mit Rebengrün, die Eisenbahnzüge, die durch die Landschaft gleiten, all das sonnenbeschienene Leben, die schöne wilde Welt, die er in sich hineintrinkt, wie aus beiden hohlen Händen.

Pedanten der Naturbegeisterung sagen, man dürfe die Natur nicht so in Klumpen genießen, Menschen, die in Scharen geballt reisen, verschandeln sich gegenseitig die Schönheiten der Erde, man müsse allein oder höchstens zu dritt mit dem Wanderstab in der Hand, dem Rucksack auf dem Buckel und einer Mandoline oder Mundharmonika durch die Lande ziehen.

Auch das ist schön. Aber sie sollen uns das Genießen in Choro auch nicht verleiden. Man trifft es ja mal schlecht in solchem Touristenwagen, sitzt neben Reisegefährten mit geistigen Schweißfüßen, ärgert sich gelegentlich über diesen und jenen, aber in der Regel läßt sich aus der Begleitung Erfreuliches destillieren, man muß sich nur nicht unter, sondern über die Sache zu stellen wissen. Haben Sie noch nie versucht, im Theater oder Konzert während der Aufführung die Gesichter im Saal zu beobachten? Genau so interessant ist es, wie die Menschen, die hinausfahren, um sich an der Natur zu freuen, auf die Natur reagieren.

Doch, es hat etwas für sich, so morgens nicht zu früh, wenn man gemächlich gefrühstückt, Briefe und Zeitung gelesen hat, sich mit zwanzig Unbekannten, Männlein und Weiblein, in einen bequemen Wagen zu setzen und einem Tag entgegenzufahren, von dessen Inhalt man nur weiß, daß er aus Sorglosigkeit und unbeschwertem Erleben bestehen wird.

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    Katalognummer BW-AK-015-3483