Die Katze hat sich in den letzten Tagen der Literatur bemächtigt. Von der Kater-Annonce in der „Luxemburger Zeitung“ über das Feuilleton der „Frankfurter“, die Katzen-Plauderei von Gilson in den „Cahiers Luxembourgeois“ bis zu dem englischen Roman von Wodehouse „Psmith Journalist“, der mir zurzeit das Veronal ersetzt, überall steht die Katze im Vordergrund.
„Kater (siamesische Rasse) verlaufen. Blaue Augen, Körper beige“ ... wie schön hätte sich nach den blauen Augen doch ein blonder Pelz gemacht! ... „Schnauze, Pfoten und Schwanz schwarz, trug rotes Halsband. (Grün wäre auch sehr apart gewesen.) Wiederbringer gute Belohnung.“
Ich weine mit der Familie, die ihrem schönen, seltenen und wertvollen, blauäugigen und blondpelzigen Kater nachtrauert. Denn auch ich nannte einen solchen Exoten mein, auch mir ist er in einer Frühlingsnacht abhanden gekommen, und Gott weiß, welche Hände ihn jetzt streicheln oder wer für seinen Pelz die achtunddreißig Franken eingeheimst hat, die einem weit verbreiteten Gerücht zufolge die Apotheker für Katzenpelze zahlen sollen. Denn ein Katzenpelz gilt als das beste Mittel gegen „Flüsse“.
Unser Maho - der siamesische Kater - war ein Luxustier. Er hatte nichts, was für ihn sprach, als seinen Otterpelz und seine dummen blauen Augen. Kein Temperament, keinen Humor, keine ausgelassenen Sprünge. Seine Stimme war ein skandalöses, brutales Dementi seiner äußeren Schönheit. Sie knarrte und krächzte, wie ein altes Schubkarrenrad, sie entbehrte durchaus der Lieblichkeit und Verinnerlichung. Dieser Maho war ein Tier, das einem den Glauben an die Seelenwanderung gradezu aufdrängte. Ich bin mehr als je davon überzeugt, daß in ihm die Seele eines alten, vergrämten Buddhisten oder eines menschenscheuen, hagestolzen Urgroßonkels von Chulalongkorn wohnte. Und dennoch hat dies harte Herz die Liebe einst verspürt. Er kam, wie gesagt, von jenem nächtlichen Frühlingsausflug nicht wieder. Ich trauerte ihm wohl mit dem Verstand, aber nicht mit dem Herzen nach. Nicht wie den andern Pussies, die in Liebesnächten verschwanden, wie Nungesser und Coli im Raum, spurlos, ohne je wieder von sich hören zu lassen: der lustige Schwarze, der in der Küche der italienischen Gesandtschaft die bratfertigen Hühnchen mauste und dem der schöne Cesare fluchend nachschleuderte, was nicht angewachsen war; der schöne schwarzweiße mit den Menschenaugen, der geborene Aristokrat, der an heimlicher Vergiftung langsam zugrunde ging, und der graue, der lachen konnte, wie unsereins, wenn man ihn auf den Rücken legte und punktrollerte. Keiner brachte es über die ersten Frühlingsschlachten.
Es wurde darum beschlossen, einmal mit der Frauenseite einen Versuch zu machen. Sie heißt Trudel und ist acht Wochen alt. Und schon fürchten sich vor ihr alle Vögel im Garten, die Amseln, Stare, Spatzen und Finken. Und die Schildkröte, der sie leidenschaftlich gern auf den Buckel springt. Und es besteht die Hoffnung, daß sie im Kirschbaum die Polizei handhaben und wenigstens ein halbes Pfund der reichen Ernte für uns retten wird.
Ich benutze die Gelegenheit, die grundlegenden Unterschiede im Charakter der beiden Geschlechter zu studieren. Ich glaube kaum, daß ich meine Beobachtungen anders, als in einem nachgelassenen Werk werde verwenden können, aus Angst vor Repressalien zu meinen Lebzeiten. Ich möchte zumal mich mit Frau Dr. Mathilde von Ludendorff nicht entzweien.
Aber amüsant ist die Trudel. Und schön. Sie hat um den Kopf die Zeichnung und die Allüren bald eines Königs-Tigers, bald einer Löwin. Sie stammt zweifellos aus regierendem Hause. Als Mensch hätte sie wahrscheinlich eine Bourbonen-Nase oder eine Habsburger Lippe. Sie ist eines Blutes mit den meisten Katzenfürstlichkeiten, deren Herrschaft sich über die Oberpetruß ausdehnt.
Ich bin neugierig, ob sie den nächsten März übersteht.