Original

7. Juli 1927

Wenn ich Herrn Henri Desgrange, dem DalaiLama des Pariser „Auto“ und Erfinder und Betriebsinhaber des Tour de France einen Rat zu geben hätte, so wäre es der, sich in den nächsten Monaten nicht anders, als inkognito in Luxemburg blicken zu lassen.

Die luxemburger Sportjugend ist bis an den Hals gegen ihn mit Haß und Empörung geladen. Denn er hat ihrem Abgott an den Frack gegriffen, wenn man so sagen darf, obgleich der Mann keinen Frack anhat. Der Frack ist in diesem Fall der gelbe Sweater, den zu tragen ein Vorrecht des jeweilig Ersten im Tour de France ist. Und Desgrange, wahrscheinlich in einem Anfall übler Laune wegen der Tatsache, daß seit vier Jahren kein Franzose mehr den Tour de France gewonnen hat, läßt seine Verstimmung an unserm Landsmann aus. Er wirft ihm vor, er sei nicht lustig genug, er rede zu wenig, er drücke sich nach der Ankunft, statt Scherze zu machen, und er fahre ohne Spur von Taktik drauf los. Desgrange ist nicht weit davon entfernt, Frantz seinen guten Appetit und seine muskulösen Beine als verabscheuungswürdige Dinge vorzuwerfen, kurzum, er benimmt sich Frantz gegenüber „gemein, feig, infekt“ - das sind einige der Epitheta, die ich aus dem Munde meiner frantzbegeisterten Landsleute in Beziehung auf Herrn Desgrange notiert habe.

Es ist allerdings sonderbar, daß hier unserm Landsmann grade die Eigenschaften als Schönheitsfehler vorgeworfen werden, die das Ideal des Rennfahrers ausmachen.

Im Anfang war der Mann, dann war die Maschine. Der beste Mann auf dem besten Rad soll gewinnen, aber der Mann bleibt die Hauptsache. Was macht den Mann aus? Das Herz, die Lungen, der Magen, die Muskeln.

Erst später kam die Taktik. Alle sind wir durch das Stadium gegangen, wo einen der Radfahrerstuß ganz ausfüllt. Wir erinnern uns, wie uns damals die Bonzen der Pariser Sportpresse mit ihrem fachmännischen Getue über den Wert der Taktik imponierten. Aber Taktik ist die Klugheit des Schwächeren. Wer sich so stark weiß, daß er alle Gegner überspurten kann, pfeift auf die Taktik. Immer vorausgesetzt, daß man beim Tour de France unter Taktik nicht bloß die Schläue versteht, mit der einer sich zu salvieren weiß, wenn ihm die Konkurrenz tückischerweise ein Bein stellt, sondern die Kunst, mit seinen Mitteln haushälterisch und wirtschaftlich umzugehen. Aber wie gesagt, der reiche Mann braucht nicht zu sparen. Einer erzählte gestern, Frantz habe geschrieben, wenn er in Dunkerque mit dem gelben Maillot starte, so werde er unterwegs alle abschütteln und solo selbander in Paris einziehen.

Dann wird also Desgrange mit noch größerem Recht von ihm sagen können: Dieser Luxemburger hat für sich weiter nichts, als die paar starken Bauernbeine, seine Bauerngesundheit und die Tatsache, daß er sich nicht mit Saufen und Weibern zugrunde richtet.

Man merkt, wo Herr Desgrange hinaus will. Sein Tour de France ist offenbar stark am abflauen. Seine Landsleute wissen ihm auf die Dauer keinen Dank dafür, daß er alljährlich um die Hundstage diese große, internationale Gelegenheit für Ausländer schafft, sich den Franzosen überlegen zu zeigen. Er wird dem Tour de France andere Ziele weisen. Nicht mehr der beste Fahrer auf dem besten Rad soll der Sieger sein, sondern der lauteste Braddler und der beste. Spaßmacher.

Den ersten neuen Tour de France wird alsdann voraussichtlich Charly Chaplain gewinnen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3485