Original

8. Juli 1927

Vor dem Schaufenster bei Kraus stehen andauernd Leute und betrachten die Seite aus der „Illustration“, auf der die Teilnehmerinnen der amerikanischen Schönheitskonkurrenz abkonterfeit sind.

Zwei dieser Gestalten im Badeanzug fesseln besonders die Aufmerksamkeit: Miß Luxemburg, weil sie unsere Landsmännin ist (meine Feder sträubt sich jedesmal, wenn ich dies schauderhafte Wort Landsmännin hinschreiben muß, und mir ist, als hörte ich sie flüstern: Der Mann, die Männin! Warum sagt Ihr nicht: unsere Landsfrau oder unser Landsweib? - Meine Feder hat recht, aber ich bringe den Mut zu dieser Revolte gegen den Sprachgebrauch nicht auf) - also weil Miß Luxemburg unsere Landsmännin ist, weil sie für die Qualitäten unserer Rasse vor der Welt ein glänzendes Zeugnis ablegte, darum beansprucht sie in erster Linie das Interesse der Beschauer. Am andern Ende steht Miß Ottawa, die mit Blicken und Beinen ebenfalls ein glänzendes Zeugnis ablegt, und zwar für die Tatsache, daß in Ottawa der Geschmack in Sachen Frauenschönheit von dem Durchschnittsgeschmack des modernen Kulturgenießers stark abweicht.

Wenn Nikolas Frantz jetzt noch den Tour de France gewinnt, so darf Luxemburg mit Stolz auf zwei internationale Berühmtheiten blicken, zwei Landeskinder, die sich jedes durch eine individuelle Leistung als Aß hervorgetan haben.

Da liegt es, im Individuellen.

Den Maßstab schafft die Masse, das Gemeinwesen, in dem ein auf die Spitze getriebener Kampf ums Dasein auch die Leistungen auf die Spitze treibt. Aber dann ist es am Einzelnen, seine Leistung an diesem Maßstab auszurecken.

Ein Millionenvolk kann als solches keinen Tour de France und keinen Schönheitspreis gewinnen. Aber der Angehörige eines Landes, das nur eine Viertelmillion Einwohner zählt, kann auf allen Gebieten der Einzelleistung dem Sohn des Millionenvolkes die Palme streitig machen.

Wenn wir mit Franzosen, Deutschen, Belgiern zusammen sind, empfinden wir es oft als komische Überhebung, daß sie sich aus der Übermacht ihres Landes uns gegenüber ein persönliches Verdienst herausdividieren. Als ob ein einzelnes Pferd, das einen kleinen Wagen zieht, nicht einem einzelnen von zehn Pferden, die einen viel größeren Wagen ziehen, gleichwertig oder überlegen sein könnte!

Aber was wollen Sie, dieser Masseninstinkt, das Gefühl des Zusammengehörens, das Aufgehen im Nationalen, das macht letzten Endes die Tugend aus, die als Vaterlandsliebe marktgängig ist und die bei dem Größeren dem Kleineren gegenüber immer das Umgekehrte von dem ist, was der Kleinere dem Größeren gegenüber als Vaterlandsliebe empfindet. Man könnte es einigermaßen so definieren, daß der Größere mit seinem Gefühl dem Kleineren gegenüber von oben nach unten, also mit dem Übergewicht der Schwere ohne Anstrengung wirkt, während umgekehrt der Kleine dem Größeren gegenüber in sein Vaterlandsgefühl einen ingrimmigen Auftrieb legen, also viel mehr von Eigenem hinzutun muß.

Wohlerzogene Menschen wissen, daß ein Reicher dem Ärmeren gegenüber peinlich vermeidet, den Vermögensunterschied überhaupt zu erwähnen.

Man könnte sich einen internationalen Höflichkeitskodex denken, der im selben Sinn die nationale Protzerei verböte.

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    Katalognummer BW-AK-015-3486