Original

9. Juli 1927

Das lebende Wesen - sagte Herr Grimmberger, indem er seiner Gewohnheit entsprechend stehen blieb, als fürchte er, seine Worte könnten im Weitergehen ungehört verhallen - das lebende Wesen, dem ich zurzeit das stärkste Interesse entgegenbringe, ist der Chauffeur. Nicht der Chauffeur schlechthin, sondern der Chauffeur im Moment, wo er sich, mit seinem Wagen einer unübersichtlichen Straßenecke nähert. Wie gut ist es und wie weise von der Natur eingerichtet, daß unsere Gedanken nicht dasselbe Geräusch machen, wie die Räder und Kolben einer Maschine. Sonst wäre es an einer verkehrsreichen Straßenecke vor Höllenlärm nicht auszuhalten. Warum machen Sie ein spöttisches Gesicht? Welcher respektwidrige Einfall ging Ihnen wieder durch den Kopf?

Ich bin mir keines spöttischen Gesichts und noch weniger eines respektwidrigen Einfalles bewußt; Herr Grimmberger.

So, ich dachte. Also wir sind an der Straßenecke stehen geblieben. Glauben Sie nicht auch, daß in diesem folgenschweren Augenblick, der für den Chauffeur jedesmal Sein oder Nichtsein bedeuten kann, sein Gehirn sozusagen ins Brodeln gerät? Glauben Sie nicht, daß es darin aussieht, wie in einem hurtig drehenden Kaleidoskop, daß die Gedanken durcheinander jagen, wie die Adjutanten im Moment, wo die Schlacht sich entscheiden soll, oder gar wie die Ameisen, wenn ein feindlicher Eingriff ihr Staatswesen durcheinander wirft? Ich gäbe etwas darum, wenn ich von einem solchen Chauffeurhirn einen Querschnitt herstellen könnte, an dem dieses aufgeregte Gedanken- und Gefühlsdurcheinander sichtbar wäre. Kaltes Blut, alle Achtung, aber wenn man sich sagen muß: Im nächsten Bruchteil von Sekunde kann sowohl von rechts wie von links das Verderben vorstürzen und dir den Garaus machen - dann hilft das kälteste Blut nichts, dann muß der Mann seine Augen im Griff und seine Gedanken auf dem Sprung haben.

Aber die Gewöhnung?

Schön, die Gewöhnung. Aber ein guter Chauffeur kennt diese Gewöhnung nicht. Er fährt nicht im Dösen eine gefährliche Stelle an, er behandelt sie, wie sie in der Pädagogik sagen, individuell. Ja, es gibt solche Unselige, dem Unheil Geweihte, die schon im vorhinein der Rubrik „Unfälle“ verfallen sind. Ich sehe tagtäglich einen am Steuer eines Lastautos sitzen. Er sieht aus, als dächte er in jedem Augenblick, was seine Frau mittags vielleicht gekocht haben könnte. Er fährt jede Straßenecke und Kreuzung hemmungslos an, er tutet pflichtschuldigst fünf Meter vorher, das kann ich bezeugen; aber er müßte totsicher auf jede bewegliche Masse aufrennen, die in diesem Augenblick von rechts oder links her seinen Weg kreuzen würde. Er denkt nicht, daß das Huppen nicht den mindesten Zweck hat, wenn er nicht zur selben Zeit seinen Wagen so in der Hand hat, daß er ihn auf dem Fleck abstoppen kann. Ich behalte den Kerl im Auge. Ich gebe ihm hoch gerechnet noch sechs Monate. Dann sitzt er entweder, oder er liegt. Beides wird er nicht gestohlen haben.

Herr Grimmberger versank ein paar Minuten lang in Grübeln und ein verlorenes Lächeln irrte über seine Züge.

Wenn man es recht bedenkt, sagte er dann, noch immer mit leisem Lächeln, so ist das Überfahrenwerden die Todesart, die unserm Zeitalter am adäquatesten ist. Adäquater auf jeden Fall, als das Sterben im Krankenbett, um das der Duft der Arzneien weht. Unsere Zeit riecht nicht mehr nach Arnica und Kampfer, sondern nach Benzin und Gummt. Dieser Tage starb in Paris ein uralter Lebemann, der unter dem zweiten Kaiserreich die Coqueluche aller schönen Frauen gewesen war. Man nannte ihn den König Alkoven. Er wurde mitten auf der Place de la Concorde von einem schweren Luxuswagen überfahren im Moment, wo er einer jungen Dame nachblickte, deren Beine es ihm angetan hatten.

Der Mann wußte zu sterben.

In diesem Augenblick raste eine bekannte junge Luxemburgerin lachend in ihrer neuen Torpedo vorüber und Herr Grimmberger sprang mit einem sehr temperamentvollen Krrnondidjeß! zur Seite.

Ich merke, sagte er kopfschüttelnd, als er sich wieder beruhigt hatte, ich habe noch kein Talent zum zeitgemäßen Sterben.

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    Katalognummer BW-AK-015-3487