Original

10. Juli 1927

Im Briefkasten der „Luxemburger Frau“ stand gestern folgende Anfrage:

„Könnte wohl eine liebe Leserin mir ein Mittel angeben, um das übermäßige Zigarettenrauchen vieler junger Leute zu verhindern? Im voraus besten Dank.“

Obgleich ich mich nicht zu den lieben Leserinnen der „Luxemburger Frau“ zählen darf, möchte ich doch das verlangte Mittel nachstehend kurz angeben. Für seine Unfehlbarkeit leiste ich unbedingte Garantie. Dabei ist es in seiner Bereitung und Anwendung äußerst einfach.

Man suche irgendwo einen Schmied auf, der eine Einrichtung für Husbeschlag besitzt und verständige sich mit ihm wie folgt: (Jeder hat in seinem Bekanntenkreis einen Schmied, der gelegentlich Pferde beschlägt.) Er soll nach jedem Beschlag die Hufspäne, die er abhaut, um das neue Eisen glatt auflegen zu können, sorgfältig einsammeln. Wenn davon ein ansehnliches Quantum beisammen ist, nehme man dieselben und treibe sie durch eine Kaffee-, Obst- oder Fleischmühle. Sie werden dadurch zu kleinen Körnchen zerrieben, die den zerschnittenen Blattfäserchen des Rauchtabaks nicht unähnlich sehen.

Diese Körnchen verpacke man in Düten zu je einem Pfund und bewahre sie an einem trocknen Ort. Nötigenfalls wende man sich an eine größere Anzahl von Hufschmieden, damit man um so rascher über die nötige Menge verfüge.

Alsdann gehe man zu Herrn Marcel Cahen und bitte ihn, die gesammelten Hufkörnchen dem Tabak beizumischen, aus denen er seine Zigaretten bereitet. Die Mischung hätte im ungefähren Verhältnis von 25 % Hufkörnchen zu 75 % Tabak zu erfolgen. Je nach Bedarf wäre die Hufkörnchenmenge leicht zu verstärken. Ich würde indes nicht raten, das Verhältnis von 50 % zu 50 % zum Nachteil des Tabaks zu überschreiten. Vielleicht würde es sich empfehlen, den Unterschied zwischen Cachet rouge und Cachet bleu auch durch ein stärkeres Verhältnis der Hufkörnchen zum Tabak zu betonen.

Nachdem dies geschehen ist, braucht man nur den Dingen ruhig ihren Lauf zu lassen.

Die vielen jungen Leute, die dem übermäßigen Zigarettenrauchen huldigen, werden eines Morgens bei der ersten Zigarette die Entdeckung machen, daß ihnen das Glimmstengelchen lange nicht mehr so gut mundet, wie früher. Sie werden zuerst wohl vermuten, die Schuld liege an dem bißchen Höhenrauch, der von den sieben Tassen Kaffee vom Abend vorher zurückgeblieben ist. Bei der zweiten Zigarette werden sie einen bleibenden Widerwillen gegen das gewohnte Genußmittel feststellen, und die dritte Zigarette werden sie schon überhaupt nicht mehr anbrennen. Und so werden sie ohne große Mühe und Kosten - denn die Hufschmiede werden das erwähnte Nebenprodukt sicher billig abgeben - von dem Laster befreit sein, das der „Luxemburger Frau“ so viel Kopfzerbrechen verursacht.

Später, wenn alle geheilt sind, mögen die Zigaretten wieder in ihrer früheren Zusammensetzung hergestellt werden. Für die Geheilten besteht keine Gefahr des Rückfalls. Ich weiß es aus Erfahrung.

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    Katalognummer BW-AK-015-3488