Original

12. Juli 1927

Haben Sie einen Vetter in Amerika, der Jack Kirpach heißt? Oder einen Onkel namens Peter Wagner? Ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen mitzuteilen, daß es ihnen anscheinend vorzüglich geht. Der „Murray County Herald“, der in Slayton. Minnesota, erscheint, meldet, daß Herr und Frau Kirpach nebst Kindern an einem der letzten Sonntage von Chicago in Slayton eintrafen, um ihren Onkel Peter Wagner in seinem Heim einen Besuch abzustatten. Herr Kirpach fuhr Dienstags wieder nachhaus, aber Frau Kirpach und die Kinder blieben zu einem längeren Besuch beim Onkel.

Oder interessieren Sie sich für Herrn A. M. Schrantz, ebenfalls in Amerika? Er hat in jüngster Zeit gute Geschäfte in Refrigeratoren gemacht, von denen er je einen an E. T. Bady, A. M. Gleason und Oliver Drinville von Currie, und D. P. Weld und Paul Freeman von Slayton verkauft hat.

Sie wünschen sicher mit mir. geneigte Leserin und geneigter Leser, daß es Frau Kirpach beim Onkel Peter in Slayton gut gefalle, daß ihre Kinder dem guten Onkel nicht zuviel Radau in seinem sonst so ruhigen Heim machen, daß Herrn Jack Kirpach in Chicago die Zeit nicht lang werde all die Wochen, die er dort fern von seinen Lieben zubringen muß, und daß Herr A. M. Schrantz mit seinen Refrigeratoren bei seinen Kunden Ehre einlegen wird.

Sehen Sie, es macht keinen großen Unterschied, ob Sie nach Amerika gehen oder zuhaus bleiben. Wären alle diese luxemburger Landsleute - denn was Kirpach, Schrantz und Wagner heißt, ist Luxemburger - nicht auf die Idee gekommen, ihre Äcker und Wiesen hier zu versteigern und ihr Glück in Amerika zu versuchen, so säße der Onkel Wagner möglicherweise in Stebenaler, und Jacques Kirpach wäre vielleicht Lokomotivführer in Bettemburg, und eines schönen Sonntags höbe er sich mit Frau und Kindern auf und führe nach Siebenaler zum Onkel Peter auf Besuch. Die Kinder würden zum Fenster hinausschauen und die Mutter würde ihnen ab und zu die Nasen putzen und ihnen ein Stück Schokolade zustecken, und der Vater würde ihnen erklären: Das ist Berchem, jetzt kommen wir nach Luxemburg, und das ist die Dommeldinger Schmelz, das ist die Alzette, das ist Ettelbrück, das ist der Ginster, das ist das Schloß Bourscheid, hier kommt Wilwerwiltz, da müssen wir aussteigen. Und im Hotel am Bahnhof würden sie noch einen Humpen trinken und alte Bekannte begrüßen und erfahren, daß der Onkel Peter die letzten Wochen arges Gliederreißen hatte, aber jetzt wieder ganz munter ist. Und dem Fried ginge es auch noch soso, und er arbeite jetzt in der Minette. Der Onkel würde sich sehr freuen und die Buben hätten schon in der ersten halben Stunde mit den Dorfkindern Freundschaft geschlossen und in der zweiten halben Stunde sich mit ihnen verprügelt. Und Dienstags würde Jacques Kirpach sagen, das müßige Leben halte er nicht länger aus, er werde also wieder nach Bettemburg fahren, und seine Frau würde sagen: Ja, er muß jeden Abend seine Partie Whist haben. Und es wäre im großen ganzen nicht viel anders, als in Amerika, nur daß Jacques Kirpach bis nachhaus nur zirka 60, Jack Kirpach aber 600 Kilometer fährt.

A. M. Schrantz verkauft, wie wir gehört haben, in der weiteren Umgegend der tausend Seen Refrigeratoren. Wäre er zuhaus geblieben, so würde er vielleicht Fahrräder, oder Nähmaschinen, oder Staubsauger oder Punktroller verkaufen.

Im Grunde genommen scheint es also nur auf den Unterschied zwischen klein und groß herauszukommen. Und die Frage stellt sich: Ist es ein größeres Glück, ein kleines Zimmer in einem ganz großen Haus, oder ein geräumiges Zimmer in einem kleinen Haus bewohnen?

Ich denke mir, solange einer mit dem Drang und der ungebändigten Jugendhoffnung sich vermißt, eines Tages das ganze große Haus zu besitzen, solange wohnt er lieber in dem großen Haus. Und solange ginge er gerne nach Amerika.

Später findet er, es geht auch so.

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    Katalognummer BW-AK-015-3489