Herr Henri Desgrange ist nicht so gescheit, wie ich es immer geglaubt hatte. Wenn er so gescheit wäre, wie er sein müßte, um allen Lagen gewachsen zu sein, so wäre er in den letzten Tagen Briefmarkensammler geworden und hätte ein Bombengeschäft gemacht.
Bekanntlich sind die luxemburger Briefmarken die meistgesuchten von Europa. Wenn unser Staat sich zu einer richtigen Briefmarkenpolitik entschließen wollte, er könnte auf seinen Briefmarken nebenbei so viel verdienen, wie die Eisenindustrie auf ihren Gasen und Thomasschlacken.
Herr Henri Desgrange hat in den letzten Tagen von Luxemburg solche Haufen von Briefen bekommen, daß in den frankierten Kuverts davon ein Vermögen steckt. Und er bekommt noch jeden Tag und wird immer mehr bekommen, solange der Tour de France dauert und noch drei, vier Wochen später, ob nun Frantz als erster oder als siebzehnter ankommt. Mein Friseur hat mir überm Haarschneiden mitgeteilt, was er diesem Kerl von Desgrange an seinem nächsten Ruhetag schreiben wird. Er denkt sich nachts allerlei aus, oh, es wird eine ganz famose Sache, vielleicht wird er sogar eine Karikatur von Desgrange zeichnen und dem Brief beilegen, und er wird schreiben, daß wir das „Auto“ boykottieren und nur noch das rosa Sportblatt kaufen werden, damit werden wir ihn am härtesten treffen usw.
Statt nun diese Briefmarkenflut wirtschaftlich auszunutzen, wie es ein kluger Mann getan hätte, geht Herr Henri Desgrange hin und ärgert sich. Tut also den Briefschreibern den größten Gefallen, denn darum hatten sie ihm ja ihre groben Briefe geschrieben, damit er sich gelb und grün ärgern sollte. Sie hatten sich die Hände gerieben und hämisch gelacht und gesagt: Ce qu’il maronnera! Und nun hat er nicht nur „maronniert“, sondern er war unintelligent genug, es zu zeigen.
Er scheint auch in der Logik nicht hervorragend begabt zu sein. Er hat festgestellt, daß Nikolas Frantz einen soliden Brustkasten und muskulöse Beine hat. Daraus folgert er, daß die Luxemburger ein mürrisches Volk sind, und daß es in Luxemburg anhaltend regnet. Man denkt an den holländischen Journalisten, der vor Jahren seiner Zeitung schrieb, Luxemburg sei eine Stadt, in der alle Leute Reuter heißen. Auf sämtlichen Firmenschildern stehe Reuter, auf einem sogar Reuter-Reuter.
Herr Henri Desgrange wollte sich an uns dafür rächen, daß wir nichts auf unsern Frantz wollten kommen lassen. Wir räsonieren so: Radfahren tut man mit den Beinen, dem Herzen und den Lungen, also ist der beste Radfahrer der, der die besten Beine und sonstigen dazu gehörenden Organe hat. Zeitungen schreiben tut man mit dem Kopf, also ist der beste Zeitungsschreiber der, der den klügsten Kopf hat. Wenn einer mit dem Kopf Rad fährt und mit den Füßen Artikel schreibt, so ist das die verkehrte Welt. Herr Henri Desgrange scheint anderer Ansicht zu sein, und darum sagt er von uns, wir seien mürrisch und eingeregnet.
Er will offenbar Reklame für uns machen. Denn der Weise, der eine Sommerfrische wählt, zieht einen simpeln, schweigsamen Wirt einem allzu gerissenen und schwatzhaften vor. Machen wir uns also darauf gefaßt, daß sich in zirka vierzehn Tagen ein Strom von Touristen über uns ergießen wird, die sich den Fingerzeig im „Auto“ zunutzen gemacht haben.
Finden sie sich enttäuscht, was ja immerhin nicht ausgeschlossen ist - denn alle Tage regnet es hier wirklich nicht, und ab und zu ist einer unter uns, der mehr und länger redet, als er sollte -, so mögen sie sich bei Herrn Henri Desgrange beklagen.